Gesellschaft / konkrit / konkrittles / Wissenschaft

konkrittles #11 – Zwischen Erwartung und Erfüllung

PBF020-Skub

 

Die Google-Suche nach dem Wort »Authentizität« liefert innerhalb von 0,29 Sekunden ungefähr 810 000 Ergebnisse. Als erstes, da laut Google Page Rank als am relevantesten eingestuft, findet sich der Wikipedia-Eintrag zum Begriff. »Authentizität (von gr. αὐθεντικός authentikós „echt“; spätlateinisch authenticus „verbürgt, zuverlässig“) bedeutet Echtheit im Sinne von „als Original befunden“. Das Adjektiv zu Authentizität heißt authentisch«, heißt es in der dem Artikel voranstehenden Synopsis. Das zweite Ergebnis listet den Online-Eintrag zum Wort im Duden-Verzeichnis. Er weist dem Wort einen bildungssprachlichen Gebrauch sowie mit zwei von fünf möglichen Punkten eine seltene Verwendung zu. Als Synonyme werden »Echtheit, Glaubwürdigkeit, Sicherheit, Verlässlichkeit, Wahrheit, Zuverlässigkeit« aufgeführt, sie alle werden laut ihrer respektiven Lexikoneinträge ähnlich häufig oder aber häufiger verwendet. Dahingegen wertet der Wiktionary-Artikel, der in der Google-Suche an dritter Stelle erscheint, das Wort als umgangssprachlich und stellt anders als der Wikipedia-Artikel dem Wort nicht sein Adjektiv nebenbei, sondern behauptet vielmehr seine Ableitung aus demselben. Die als sinnverwandte Wörter angegebene Begriffe immerhin sind weitestgehend redundant zu den vorigen : »Echtheit, Glaubwürdigkeit, Unverfälschtheit, Zuverlässigkeit«.

Auf derselben ersten Seite zum Suchbegriff finden sich noch drei weitere, von den Algorithmen der Suchmaschine als mit hoher Relevanz markierte Ergebnisse. Das Blog Karrierebibel widmet sich unter der Überschrift Authentizität: Die Kunst authentisch zu sein und zu bleiben der offenkundigen Schere zwischen manipuliertem »Egomarketing« und dem latenten Wunsch nach Authentizität, der vier Kriterien zugeordnet werden: Bewusstsein, Ehrlichkeit, Konsequenz und Aufrichtigkeit. Autor Jochen Mai spricht über Authentizität als »wichtigen Karrierefaktor«, weist ihr somit einen ökonomischen Wert zu. Ulrich Schnabel setzt sich auf ZEIT Online zuerst mit Experimenten im Tierreich auseinander – welche Farbe nimmt ein Chamäleon vor dem Spiegel an? –, bevor er sich der Erkenntnis von Authentizität als »das Echte« widmet. »Die Herstellung von Authentizität ist mühsam und erfordert einen hohen persönlichen Einsatz«, schreibt Schnabel und geht dann konsequenterweise auf den abstrakten Warenwert von Authentizität in Wirtschaft, Politik und öffentlichem Leben über. In seinem Artikel Authentizität auf der Homepage Docupedia-Zeitgeschichte versucht sich Achim Saupe an einer Aufarbeitung der Begriffsgeschichte des Wortes, das sowohl in den Geschichtswissenschaften wie auch der »zunehmend medialisierten und digitalen Welt neue Bedeutung« erhält.

So stehen einander auf einen Blick konkrete, wenngleich im Vergleich doch differierende oder sogar widersprüchliche Definitionen neben abstrakten Ausführungen, die sich der Problematik des Begriffes Authentizität kontextuell und/oder pragmatisch zu nähern versuchen, gegenüber. Darin liegt das größte Paradoxon des Begriffes: Dass er laut Lexikon eine fast metaphysische Qualität innehat, in der physischen Welt jedoch kaum mehr als eine Art abstrakten Tauschwert, der sich je nach Kontext verformen lässt. Das Wiktionary bietet als Gegenwort, also Antonyme, »Unechtheit, Unglaubwürdigkeit« an. Aber ist das tatsächlich das Gegenteil dessen, was der Begriff impliziert – oder wären das nicht sinnvolle Angebote für andere, mögliche Definitionen für die Praxis von Authentizität?

Es klafft zwischen Begriff – also der sprachlich manifestierten Erwartung – und den Verhältnissen – also derer objektiven (Nicht-)Erfüllung a priori ein Riss auf, der sich nicht kitten lässt. Nicht allein in der offensichtlichen Diskrepanz zwischen der vom Duden als selten eingestuften Verwendung und der häufigen, intensiven Diskussion darum, nein. Authentizität ist sowohl als Wort als auch als Phänomen zutiefst paradox, wird nur ihres Mangels wegen verlangt oder gar erkannt. Sie ist von Vornherein dekonstruiert, existiert also genauso wenig, wie sie es nicht tut. Dabei ist allerdings die Stoßrichtung des Verlangens von Interesse: Warum wird in keinem der auf der ersten Seite der Google-Sucheinträge gelisteten Artikel ein Übermaß an Authentizität beklagt? Zwar mag die subjektive Aufspaltung in diverse Individuationen oder gar Identitäten, wie sie die Bewohner_innen der privilegierten westlichen Welt im Rahmen der zunehmenden Digitalisierung und dem sogenannten kapitalistischen Realismus , wie ihn Mark Fisher zuletzt postuliert hat, beziehungsweise der von Byung-Chul Han beschriebenen »Transparenzgesellschaft« empfinden, belastend sein.

Aber ist das nicht, wie es die Begriffe ihrerseits schon verraten, eine Form von Realität? Einer transparent gemachten, sprich: echten, glaubwürdigen, unverfälschten, zuverlässigen; sprich: einer authentischen Realität? Tatsächlich scheint es – paradoxer Weise – doch kaum etwas Inauthentischeres zu geben als die Sehnsucht nach Authentizität, da sich an dieser Stelle der Wunsch nach anderen Zuständen als den gegebenen artikuliert. »Auf Facebook der nette Kumpel mit dem aufregenden Partyleben, auf Xing ganz Profi: nüchtern, sachlich, seriös«, beschreibt Jochen Mai in der Karrierebibel das »digitale[] Vexierspiel aus den verschiedenen Facetten unserer Persönlichkeit«, das von allen Seiten als verbürgt und echt angenommen werden kann. Der Wunsch nach dem Authentischen bedeutet in diesem Sinne nichts weniger als eben diesen schmerzlichen echten Tatsachen entfliehen zu wollen.

So erklärt sich folglich die Differenz zwischen der Definition eines Begriffes und dessen, was er bezeichnet, wie sie sich auf einen Blick in den Ergebnissen einer kurzen Google-Suche darstellt. Diese ist im Übrigen ebenfalls inauthentisch in dem Sinne, als dass sie – vermeintlich – weder in der Welt der Objekte stattfindet noch ihr – vermeintlich – eine Glaubwürdigkeit in einem wissenschaftlichen Sinne innewohnt. Tatsächlich aber führt sie zu ausgenommen authentischen Ergebnissen in Bezug auf das Wesen von Authentizität beziehungsweise dem menschlichen Verhältnis dazu, das ein unauflösbar paradoxes, weil a priori bereits dekonstruiertes ist. Authentizität existiert und tut es doch nicht zwischen der im Begriff formulierten (Selbst-)Erwartung und deren für immer aufgeschobener Erfüllung.

Advertisements

One thought on “konkrittles #11 – Zwischen Erwartung und Erfüllung

  1. Pingback: konkrittles #18 – Removed from it | konkrit

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s