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konkrittles #10 – Glitches, Eigenloops, Hantologie. Zur Ästhetik entzeiteter Zeiten.

© Waldo Lee

© Waldo Lee

Glitches, Eigenloops, Hantologie. Zur Ästhetik entzeiteter Zeiten.

Sadly, The Future Is No Longer What It Was

Die Hoffnung auf eine kommende share economy ist fast so alt wie die Angst vor dem kapitalistischen Realismus. Jetzt werden sie beiden wir geupdated, das eine von Jeremy Rifkin, das andere von Mark Fisher. Anlass? Das Leben in der Transparenzgesellschaft. Dahinter dräut die alte, verschwörerische Frage: Und du? Bist du Integrierter – oder doch Apokalyptiker?

Als pornografisch, ohne jedes Geheimnis, ja richtiggehend anästhetisch betrachtet Byung-Chul Han diese Gesellschaft, die er selbst in viele Gesellschaften aufsplittet; in Positiv-, Ausstellungs-, Evidenz-, Porno-, Beschleunigungs-, Intim-, Informations-, Enthüllungs-, Kontrollgesellschaften zerhäckselt und daraus wieder ein Ganzes macht.

Kulturpessimismus sells, das wussten schon Max und Theo. Was aber… Ja, was aber eigentlich, wenn Han, Fisher und ihre apocalypse bros die neue Welt nur mit alten Augen sehen? Was, wenn die ästhetischen Maßstäbe von gestern nicht mehr greifen – weil es vielleicht kein Heute mehr gibt?

Zuerst also die Schnarchfrage: Was ist Ästhetik heute? Oder fragen wir mal anders: Gestern? Was war, ist, wird die Ästhetik von morgen sein? Die traurigen Tropen tröpfeln wahrscheinlich: Die Ästhetik von morgen ist heute schon nicht mehr, was sie mal war.

Obwohl, Quatsch: Immerhin das ist doch richtig, dass wir, also wir – Mitglieder der privilegierten gated community, als unserer filter bubbles, die sich den Luxus erlauben können, über den Kapitalismus zu klagen – also, dass wir am Interface kleben, immer und ständig. Mit unseren Fingern, digiti, mit denen wir digital natives ganz naiv durch digitale Welten wischen.

Virtuell, das kommt von virtus: Kraft. Aber worin liegt die Kraft der Ästhetik von heute? Oder fragen wir noch mal anders: Gestern? Was war die Ästhetik von morgen? Was ist sie? Was wird sie sein?

Fakt ist: Gestern – morgen – heute, das sind im Grunde nur noch Marker im ewigen Fluss, Metatags unserer Wahrnehmung (also, da haben wir es: aisthesis). Der Stream überrennt die Vergangenheit mit Aktualität und spült manchmal das Vergangene als aktuell hervor. Die Algorithmen schlafen nicht, sie sind immer und aus jeder Zeit für uns da – weil wir für sie da sind, immer und aus jeder Zeit.

Fakt ist: Wir verfingern uns nicht mehr in Zeiten, sondern Ober- und Bildflächen erster, zweiter und dritter Ordnung. Wir entfernen uns noch mehr, wenn wir uns beim Schreiben betrachten. Von uns selbst und den anderen, denen wir beim Schreiben zusehen. Wir betrachten, wie andere uns lesen. Wir sehen kleine, munter hüpfende Pünktchen oder ein bis zwei Haken, die uns das sagen.

Fakt ist: Wir sehen, als würden wir lesen. Wir lesen nur, wenn wir sehen. Die Captions von Bildern, die uns mehr sagen als tausend Worte, weil die Worte ihren ökonomischen Wert eingebüßt haben. Denn, machen wir uns nichts vor: Aus Aufmerksamkeitsökonomie ist schon längst eine rein ökonomische geworden. Der grenzenlos(e,) glatte Kapitalismus hat die Ecken und Kanten geschliffen und ineinander gestülpt. Form swallows function.

Nehmen wir Witch House, Seapunk, Vaporwave: Keine Microgenres, erst recht keine Subkulturen. Keine Schulterschlüsse, kein us versus them, kein Manifest weit und breit. Denn Dissidenz ist outdated, mehr (oder: weniger) noch: Sie war niemals vorgesehen. Wir sehen die Feindbilder vor lauter Selbstspiegelungen nicht. Warum sollten wir auch: Alles andere wäre ewiggestrig.

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Witch House, Seapunk, Vaporwave: ästhetische Mems aus dem tumblrversum. Die verronnenen Lipstick Traces, die verschmierten Diskurse des Post-Internets. Der Materialismus des absolut Immateriellen, die (a)historische Konsequenz aller Post-Historik. Hypnagogik: ein Phänomen ohne Phänotyp. Hantologie: eine Strategie ohne Plan. Die Begriffe verfilzen im Spurenchaos, die Unterschiede werden vom Rhizom überwuchert. What is this? I’ve seen it on tumblr.

Wie, wann, wo differenzieren wir also? Oder, viel wichtiger: Warum? Warum feiern wir nicht unsere allmähliche Geistwerdung in allen Bereichen? Also wie wir entwesen, wie unsere Identitäten (wir bei Facebook, Twitter, Instagram, Google+, ello, tumblr, WordPress, Blogspot, Snapchat, WhatsApp, Trema, Xing, iCloud, Google Drive, wasauchimmeretc.) in der Alltagspraxis diffundieren. Oder ist das schon Thanatopraxis? Brauchen wir noch mehr Verstörungstheorien?

Wir sprechen doch schon durch so viele Gesichter. Warum beschweren wir uns darüber, wenn unsere verzerren? Ja, ja: Der Hyperrealismus pflanzt ein uncanny valley zwischen uns und unsere Bilder, auf die wir Filter legen, um sie mit Transzendenz anzureichern. Aber war das jemals anders? Trugen wir nicht schon immer unsere Totenmasken mit uns rum?

Nehmen wir mich und ein Foto von mir, genauer: Ein selfie. Das Ich in all seiner artifiziellen Authentizität.

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»Kein Gesicht in diesem Bild gefunden.« Bin das also doch nicht ich? Nur meine, oder zumindest eine: Individuation? Ein Glitch meines Selbsts? Oder bin das ich, hantologisch vervielfältigt? Bin ich der Viele? Ein Hyperlink zur höheren Ordnung? Physisch, metaphysisch? Keins von Beidem?

Anders und allgemeiner gefragt: Wir quantifizieren uns, aber was qualifiziert uns eigentlich? Immer noch: Unser dummes Gewese, weil wir uns davon nicht lösen. Dabei stecken wir doch schon mitten im Gewebe.

Also: Warum hören wir noch Gitarrenmusik? Warum stehen unsere eBooks in Bücherregalen angeordnet? Warum klicken wir uns durchs Fappening? Warum glitchen wir nicht stattdessen, um der Überwachung zu entglitschen – sondern suchen die Ordnung, die uns überwacht? Die friedfeindliche Einfriedung ins Scheinontologische? Warum, kurz gefragt, ergeben wir uns nicht lieber dem Nebeneinander, der allzeitigen Erreichbarkeit? Unserer, die unserer Umwelt? Unserer surround culture? Denn von Pop, tja, von Pop kann kaum die Rede mehr sein.

Warum also uns empören, während wir uns randomisieren? Das auch mal gut sein lassen als Politikum: Die Fehler nicht ausbügeln, sondern Falten werfen und werfen lassen, mehr und mehr. Und dann raus auf die agora mit dem Knitterkleid! Vielleicht auch eine Möglichkeit gegen das Glatte?

goetz

Das mag jetzt widersprüchlich klingen ist deshalb nur angemessen: Ist nicht eigentlich der Loop der perfekte Modus dieser entzeiteten Zeiten? Vines, .gifs – sucht euch was aus. Hauptsache Wiederholung. Von uns, unseren Ereignissen. Eigenloops. Das brutal Schöne daran: Wiederholung lässt sich nicht wiederholen, ohne in Differenzen aufzugehen. Was übrig bleibt, wäre reine Alteration.

Ihr könntet mir ja zum Beispiel dabei zusehen, wie ich lese und mir dann die Stirn aufschlitze und wie ich lese und mir dann die Stirn aufschlitze und wie ich lese und mir dann die Stirn aufschlitze und wie ich lese und mir dann die Stirn aufschlitze und wie ich lese und mir dann die Stirn aufschlitze und das dann und jemand anderem dabei zusehen wie er liest und sich dann die Stirn aufschlitzt und wie er liest und sich dann die Stirn aufschlitzt… Ihr könnt das solange machen, wie ihr wollt. Eine Umdrehung, zwei, drei – oder bis ihr nicht mehr zählen könnt und aus der Zeit gekickt werdet.

In den related videos dazu: Dub Techno. Oder Xenakis. Alte Kiste. Nur eben: Ohne die Emphase, die uns Diederichsen versprochen hat. Nicht wie der letzte Loop vor 9/11, unserem (nochmal: Mitglieder der privilegierten gated community, unserer filter bubbles, die sich den Luxus erlauben können, über den Kapitalismus zu klagen) Lissabon. Vielleicht jammert Didi deswegen über mangelnde Haltung? Von Pop, tja, kann aber eigentlich keine Rede mehr sein. Nix youth mode – den haben wir schon lange überkommen. Es bleiben die anderen Modi.

Deshalb: Bye, bye, Post-Historik. Stattdessen: Hallo, Loops. Hallo, Loops. Hallo, Loops. Hallo, Loops. Hallo, Loops. Hallo, Loops. Etc. Indifferenz ad infinitum, ad nauseam. Hochgradig akzeleriert, sowieso. We a go. We a go. We a go. Etc.

Im Grunde also doch: Sadly, the Future Is Exactly What It Was. Wiederholung, nur anders. Fordianischer Alltagsabfuck, Fließband Mensch. Dystopisch? Quatsch. Utopisch! Keine Zeit, kein Ort. Auch die Orte: Nur Metatags. Posted from Prenzlauer Berg, 24.11.2014 at 21:24 CET. Da(s) sollen wir, ich und mein Ereignis, also sein? Sorry, aber damit bin ich noch längst nicht, erst recht nicht dann oder dort.

(Nebenbei gefragt: Was erzählt uns Google alles über Edward Snowden? Und/oder warum wollen wir das wissen?)

derridaghost

Wie also reagieren? Die Loops lieben! Aus der Zeit fallen! Bitte, jetzt kein Retromania-Diskussion. Bitte, jetzt kein apokalyptisches Geschwafel. Oder, wenn doch dann zumindest im Wissen: Geschichte wird gemacht / es geht voran. Es gibt kein Zurück zum Beton. Und wer das nicht hören kann, der hat sich virtuell (nochmal: von virtus, Kraft) nicht genug entortet. Proxy up, ihr Ärsche! Sucht euch eure Stellvertreter, virtuelle Wiedergänger. 1989 ist endlich angekommen. Und wir, wir und unsere selfies könnten Gespenster werden.

Denn wenn wir wieder und wiedergingen, entgingen wir nicht den Begriffen? Damit: Der Zeit, dem Ort und all dem anderen Quatsch, den wir uns aufbürden, um »ich« sagen zu dürfen. »Jetzt« und »hier«. Glitches, Eigenloops, Hantologik: So könnten wir spekulativ werden. Veräußerten und -objektivierten uns. Wären wir dann wirklich noch positivistisch, ausgestellt, evident, pornografisch, beschleunigt und -igend, intimisiert und -ierend, informiert und -ierend, enthüllt und -hüllend, kontrolliert und –lierend, sprich: transparent? Oder: Liegt etwa genau darin vielleicht die Alternative?

Das ist nicht mal realistisch, sondern schon naturalistisch gesprochen. Mit aller gebotenen Ironie dieses Begriffes.

Ästhetik also gleich, na: Transparenz plus x plus x plus x… Etc.?

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7 thoughts on “konkrittles #10 – Glitches, Eigenloops, Hantologie. Zur Ästhetik entzeiteter Zeiten.

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