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konkrittles #9 – »Die haben nie so recht verstanden was ich da mache.«

mallarme

Ihr versteht schon noch, was ich meine. Mit ein wenig Arbeit zumindest.

Letztens, in einer kleinen Stadtoase am Anhang, käselose (und also: voll nicht echte) Pizza mümmelnd. Das Gespräch dreht sich und wir landen schon wieder bei Musik, ihrer Bedeutung beziehungsweise, korrekt gesagt, was sie bedeuten kann. Alles, im Grunde, aber in den meisten Fällen doch dasselbe, behauptet das Gegenüber und ich argumentiere dagen: Nein, nein, kulturelle Kontexte und überhaupt. Ich, du, die Grenze zwischen uns. Wer außer mir hört den Hass der Smiths? Alle, die meisten, die wenigsten, niemand?

Ich bin versucht, erneut den so häufig unverstandenen Diederichsen reinzuschmuggeln und lasse es dann. Semiologie ist kein Dinnerthema, und diese Pizzastückchen hängen nicht an Signifikantenketten sondern nur aus unseren Mündern. Dann aber, spätestens als der Mythos von der Universalsprache entstaubt wird – von Hofmannsthal raschelt unwissend und ungewusst im Hintergrund mit Briefpapier -, werde ich doch arg: Nein, nein, wenn schon dann eine Sprache, die wir nicht verstehen. Und dass genau darin doch die Schönheit liege.

Erst später fällt mir auf, dass das Quark ist.

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Ann Cotten, very apt. Obwohl ich nicht behaupten könnte, sie verstanden zu haben.

Denn: Ich verstehe doch auch eigentlich keine Sprache so wirklich; ich sehe höchstens Worte. Erst recht verstehe ich so gar nichts, wenn es um die Sprache ging.

Flashback, Anfang 2011: Ambitioniertes akademisches Projekt, Stéphane Mallarmé und Jacques Derrida auf- und übereinanderfalten. Liest sich heutzutage chic und smart, brachte mich damals aber erst um den Verstand sowie das Selbstvertrauen und schlussendlich die Psyche in Teufels Küche. Was aber nach 1 1/2 (!) Jahren Arbeit blieb war die Gewissheit, wieviel Schönheit doch im Unverständnis (heißt eben auch: Mehrverständnis) liegt und wie viele Worte sich in den Worten verstecken. Und überhaupt der Gedanke: Ist Poesie nicht eben deswegen schön, weil sie sich dem Verstehen entzieht? Weil sie uns dadurch umso mehr unterjubelt in diesem sonderbaren Tauschgeschäft, das Lesen bedeutet – wie die Musik eben auch?

Paul Celan (wer sonst?) soll mal gesagt haben: »Lesen Sie! Immerzu nur lesen, das Verständnis kommt von selbst« und meinte das hoffentlich wenn dann nur beschwichtigend. Was ich verstehen, nein, halt, nachvollziehen könnte. Weil das mit der Grenze zwischen Ich und Du mindestens im Alltagsabfuck doch so nervig ist, jede Bindung an drei Wörtern entgleisen kann. Ein Sarkastiker wie ich muss viel Worte nachschippen, wenn die ersten in den falschen Schlund gerutscht sind. Kommt oft vor. Trotzdem mag ich nur die cuten, semantisch leeren Emoticons. Nicht die, die Ironie oder Satire entlarven. Wäre auch doppelplusungut.

So geht das nicht nur in der direkten Kommunikation, sondern auch in der indirekten: Wie geradezu wütend ich mal wurde, als ich mich mal verstanden fühlte und doch das (doppelplus)ungute Gefühl hatte, dass das Verständnis auf der ersten Ebene hängenblieb. Die haikuzerstücklung war das damals, so toll zurückgestückelt von Michael Gratz in der Lyrikzeitung festgehalten und auf der Homepage der Lyrikmail zwar soweit korrekt, aber mit bedröppeltem Zufallssmiley am Ende abgebildet. Selbst der konnte die Ironie jedoch nicht in die Welt hinauskrähen.

Zum Text kam die Einrahmung:

Kristoffer Patrick Cornils (*1987)

der Autor: geboren 1987 in Buxtehude. 2007 bis 2010 Studium an der Tokyo daigaku, Abschluss als Träger des Tengu-Förderpreises (für die Übersetzung vormoderner japanischen Mythen ins zeitgenössische Deutsch). Seit September 2010 Mitorganisator der Berliner Lesereihe Kreuzwort. Studium an der Freien Universität Berlin. Diverse Veröffentlichungen; u.a. Literatur- und Musikkritik, Lyrik.

Das wurde hingenommen. Ich hätte die Lüge gerne erklärt, vielleicht auch mit pausenbäckigem Grinsen. Oder aber, das wäre noch toller gewesen: Ich hätte gern gesehen, wie sie die Runde macht und disseminiert bis niemand mehr weiß, wer ich bin. Nur eben das Zwielicht zwischen Un- und Verständnis, das war so nichts.

Es blieb dabei und damit beim Wunsch nach einer Entzauberungsgeste, und was soll daran schon schwer wiegen? Denn der Autor ist nicht wirklich tot, er müffelt nur im Zwielicht und sitzt geisterhaft rum, sich seiner Verantwortung entziehend. Nicht mein Style, ich will mich gern erklären und hoffe auf Widerspruch. Wenn ich nicht verstanden würde, hätte das ebenfalls was für sich. Wer Verständnis behauptet, der bezieht doch nur Stellung, die keine ist. Trotzdem: Ich müffel im Zwielicht und sitze geisterhaft rum. Nothing to be done.

Zurück zur Musik, mit Mallarmé: »Die Poesie, der Idee nahe, ist Musik im eigentlichen Sinne – duldet keine Unterordnung.«

15 war ich ungefähr, als ich das erste Mal Le Sacre du Printemps gehört habe und Stravinsky ziemlich geil Metal und unverständlich fand. Erweckung durch Leonard Bernstein, der einer Gruppe von Nachwuchsmusiker_innen erklärte, dass es da massiv ums Ficken ginge. Glasklar. Oder Nick Kent, der Brian Wilson portraitierte und die tiefsten Abgründe aufschürfte. Danach God Only Knows oder selbst Wouldn’t It Be Nice, erst recht der!, und alles lag vor mir. Oder?

Naja, nein, in Wahrheit dulden auch die keine Unterordnung unter die Logik, das logos. Was eben das Schöne ist und unabdingbar dazugehört. Kurze Exkursion nach hinten: Thomas Meinecke und der ständige Sprech vom »Lernprozess«. Heißt: Bitte weitermachen und nix dabei raffen, denn nur so sind Epiphanien, Rewinds überhaupt möglich. Oder?

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Jan Wehn mit den schlimm-schönsten Worten zum Thema in der letzten Ausgabe der de:bug. Whatsoever, indeed: Rave on. Ihr versteht schon noch, was ich meine.

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5 thoughts on “konkrittles #9 – »Die haben nie so recht verstanden was ich da mache.«

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