konkrittles / Leben / Musik

konkrittles #5 – The de:ath of de:bug.

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Ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie ich zum ersten Mal die de:bug… Nein. Quatsch. Ich weiß nicht, wann ich das erste Mal von der de:bug gehört, sie in der Hand gehalten oder darin gelesen habe. Denn die de:bug war immer da. Bis jetzt, oder zumindest: Demnächst. Sie verabschiedet sich und ich bin untröstlich. So untröstlich, als würde ich eine_n gute_n Freund_in verlieren.

Als die Zeitschrift gegründet wurde – im Berlin der Neunziger, mitten aus diesem Leben heraus, das ich nur aus oral histories kenne -, ging ich noch zur Schule, hörte die BRAVO Hits meines Bruders oder höchstens mal The Offspring. Popkultur, hä? Computer? Das waren damals noch Spielzeuge. Das Internet bestand nur aus dem AOL-Chat. Kulturtheorien? Please, ich hatte schon mit Mathe und Bio genug zu tun.

Es verstrich viel Zeit, bis ich anfing, die de:bug regelmäßig zu lesen. Einerseits, weil ich eine irrationale Aversion gegen Musikjournalismus an sich hegte. Andererseits, weil ich mit der darin besprochenen Musik wenig anfangen konnte. Beides änderte sich. Entschieden sogar. Seitdem gehörte die de:bug zu meinem Leseprogramm. Eine von gut zehn Zeitschriften, die ich regelmäßig las, eine der liebsten. Vielleicht sogar die liebste unter den deutschsprachigen.

Weil sie irgendwie so persönlich war, mir als Leser naheging, weil sie mir etwas über mein Leben erzählte, indem sie aus ihrem berichtete. Mit thaddi fand ich jemanden, der meine Liebe zu Jóhann Jóhannsson teilte, bleeds Single-Reviews waren meist tanzbarer als die rezensierten Tracks und Anton Waldts Kolumne brachte mich immer wieder an den Rand des Sprachwahnsinns. Nur, um mich im selben Zug schnellstens von dort wieder wegzuholen.

Das war nicht alles, klar. Denn es ging nicht nur um Musik, sondern eben auch “elektronische Lebensaspekte”, wie es quasi-kryptisch im Untertitel hieß. Musik war immer nur extension dessen, worum es eigentlich ging. Worum es eigentlich ging, das wurde breit aufgefächtert, so breit, dass mir bei manchen Ausgaben der Kopf rauchte. Die de:bug warf einen besonderen Blick auf die Dinge. Von innen und außen zugleich. In einer eigenen Sprache, die ich verstehen konnte, auf der ich mitsurfte. Die mir Dinge nahebringen konnte, die mir ewig entfernt schienen. Allein die “Selbstbeherrschung” – noch so ein ominöses wie pointiertes Epitheton – hielt das alles zusammen. Die allein kann aber wohl nicht ihre Existenz retten, so schön das auch wäre.

Das wäre wohl der Moment, um zu danken. Aber das brauche ich nicht, ich war – und das schreibe ich, weil es wirklich so war – jedes Mal dankbar, wenn ich mir die neueste Ausgabe aus dem Kioskregal griff. Keine Rührseligkeit après la lettre, konstante Hingabe.

Bitter: Vor Kurzem habe ich noch mit der Redaktion darüber gesprochen, dass ich auch gerne würde und so. Bis jetzt wurde nichts draus. Drückt mir für die letzte Ausgabe die Daumen. Oder für das, was danach kommt. Denn so gut kenne ich diese mir fremden Menschen hinter diesen immer wieder so vertraut wirkenden Worten dann doch: Die machen weiter, die haben schon was in petto. Soviel Selbstbeherrschung muss dann doch sein.

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Editorial 01/2012. CDs gibt es immer noch, die de:bug bald nicht mehr. Das Leben bleibt ungerecht.

PS. An die Naseweisler, die jetzt was vom Printsterben unkend auf die Unzeitgemäßheit (?) des gedruckten Wortes pochen, zumal mit solchen Themen, wie die de:bug sie hatte: Gerade deshalb war dieses Magazin so wichtig. Weil es den Stream bündelte und auf Papier brachte, in kondensierter, exzellent kuratierter Form. Bei aller Liebe zum Fortschritt, das ist – denke ich – auch eine Aufgabe des Journalismus’ der Zukunft: Das Diskursfeuerwerk zu kontrollieren und fach- wie sachkundig aufzubereiten. Uns fehlt ab jetzt eine Institution, die das perfektioniert hat.

PPS. Medien, Requiem…:

)

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7 thoughts on “konkrittles #5 – The de:ath of de:bug.

  1. Schön gesagt, und emotionen geteilt. Auch ich bin untröstlich und ich verliere mindestens 2 abenden im Monat wo ich mit der De:Bug in der hand intensiv musik höre und neues entdecke. Verliere meine wichtigste Quelle für neue Musik.
    Über Tipps für andere Zeitschriften mit ein ähnlichen Musikgeschmack (gerne auch auf Englisch) würde ich mich freuen.

    • Vergleichsweise unbekannt und etwas (aber nicht ausschließlich) auf den Schweizer Raum konzentriert ist die zweikommasieben. http://www.zweikommasieben.ch/

      Tolle Interviews und Kolumnen zu Club, Kultur & Clubkultur. Ist auch demnächst ein Interview von mir mit Helena Hauff drin.

      Wenn’s ein englischsprachiges Magazin sein darf: Am WIRE führt kein Weg dran vorbei! Online wäre natürlich vor allem das FACT zu nennen.

      So oder so: Das ersetzt nicht die de:bug. Hoffe mal, die finden einen Weg, zumindest online weiterzumachen.

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