Gesellschaft / Leben / Literatur

Ach, Julia Engelmann. Ach, die Debatte um Julia Engelmann.

Kennen wir bereits:

Sollten wir mal kurz Revue passieren lassen:

Der Text rattert die üblichen, ironischerweise sehr lebensfernen und verallgemeinernden Phrasen ab, die lediglich dumme Handlungszwänge reproduzieren und in der Folge nach sich ziehen. Auf dem Präsentierteller: Das Modell eines angeblich erfüllten Lebens, das individuelle Lebensentwürfe wie auch Bedürfnisse ausklammert. Einigen Menschen jedoch gibt es einen Scheiß, auf Dächer zu steigen und sich die Wolken anzuschauen. Ich zum Beispiel habe Höhenangst. Es ist scheißegal, ob wir am Ende unseres Lebens irgendwelche Geschichten zu erzählen haben und sich diese gestalten. Und solange wir ihren Wert an irgendwelchen verallgemeinerten Definitionen und Leitlinien messen, hat das mit einem persönlichen Glück nichts mehr zu tun. Sowieso: Chancen verpassen und (unterlassene) Taten bereuen werden wir eh.

Der Backlash ist nicht minder konservativ. Der intellektuelle Klüngel mokiert ein niedriges Reflexionslevel, einen sprachlich mangelhaften Text sowie schlechte Performance und sowieso: Wenn die aus irgendwelchen beschissenen Popsongs zitiert, kann das ja keine Substanz haben. Die wohnt ja nur höchstkulturellen Geistesleistungen inne. Arroganz am Wirken, nicht minder oppressiv dabei. Weiß ich, ging mir im ersten Moment ganz genauso, bin ich auch nicht frei von. Zeigt sich kondensiert in der Lyrikszene. Die nimmt sich den Hype zum Anlass, über lahme pars pro toto-Interpretationen Poetry Slam als Genre ins Lächerliche zu ziehen. Alles nicht minder verallgemeinernd und ignorant.

Das Übliche also:

Irgendjemand fordert allgemeine Gültigkeit ein oder zumindest wird es ihm oder ihr attestiert, andere fühlen sich daraufhin auf Schlips und Schlüpper getreten und feuern mit derselben Verbohrtheit zurück. Stasis allenthalben.

Vorschlag zur Güte:

Lasst die Engelmann reden, agree to disagree, checkt meinetwegen daraufhin eure Lebensentwürfe auf die Balance von Mehrwert und Sachzwängen ab, sofern ihr das für notwendig erachtet, und/oder macht, worauf ihr Lust habt. Um Widersprüche kommen wir eh nicht herum. Sela & viel Glück.

Advertisements

3 thoughts on “Ach, Julia Engelmann. Ach, die Debatte um Julia Engelmann.

  1. Feiner Text. Der erste Absatz ist ein Genuss, weil so punktgenau. Danke.
    Bleibt nur die Frage: Wieso können solche Phänomene entstehen?

    • Weil sie in gewisser Weise tatsächlich das ausspricht, was wir alle denken. Besser: Was wir uns als ideales Leben bzw. den Genuss desselben vorstellen. Dass sie dafür (westliche, klar) Pop-Songs bedient, deutet meiner Meinung nach schon darauf hin, dass das uns vor allem medial (Popkultur einerseits, Werbeversprechen andererseits – es hätte auch das Schiff in der Karibik sein können. Sail away, you can… etc.) implementiert wird. Klingt deterministisch, ist aber denke ich so. Das trifft natürlich, weil die Realität anders aussieht. Je nach Selbstverständnis (Optismismus vs. Realismus, wenn nicht sogar Zynismus) fallen die Reaktionen dann aus – dass die aber heftig sind, liegt meiner Meinung nach an ihrer psychologischen Triggerfunktion und die geht tief.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s