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Konfetti, Steine und Empathie als Superkraft: Ein Interview mit Nervöus

Nervous_Band-9044-2Proll, Pomp, Glam: So sehen Nervöus aus. Oder sagen wir mal: So inszenieren sie sich auf dem diesem Foto. Tatsächlich sollten diese fünf Menschen – Billy (Gesang), Diana (Gitarre), Irem (Gitarre), Matti (Drums) und Patrik (Bass) – dringend in der nächsten Auflage vom Buch der coolen Leute erwähnt werden, selbstverständlich ganz weit vorn. Nein, das sage ich nicht, weil sie mir ein veganes Spitzenessen (Lasagne und Erdbeer Crumble) vorgesetzt, mir Bier und Wein serviert haben oder weil mir am Ende des Abends sogar ein Gratis-Tattoo angeboten wurde. Sondern weil ich ein zwar etwas chaotisch ablaufendes, aber inhaltlich sehr schönes Gespräch mit ihnen führen durfte, in dem es um mehr als Musik ging.

Das Interview ist in gekürzter Form auch im neuen Ox zu lesen. Könnt ihr hier bestellen oder den nächstbesten Einzelhandel unterstützen. Da wir uns aber gut anderthalb Stunden unterhielten (oder zumindest die Aufnahme solange lief), habe ich mich dazu entschieden, das Interview auch hier noch mal einzustellen, um den Großteil des ausgedehnten Gesprächs abzubilden. Hier also ein drunter-und-drüber-Talk über das richtige Leben im falschen, strukturellen Sexismus in der Hardcore-Szene und Busfahrer mit Superkräften.

Nach meiner Ankunft entscheiden wir gleich, auf Matti zu warten. Der ist wegen eines Lady Gaga-Konzerts verhindert. So beginnen wir anderen mit dem gegenseitigen Beschnuppern und flugs driften auf das Thema Musikgeschmack ab. Was ich denn so alles neben Punk und Hardcore hören würde. Die Antwort auf diese Gretchenfrage fällt drucksig aus.

Patrik: Anders gefragt: Wenn du dir morgen ein Bandtattoo machen lassen müsstest, könntest, wolltest – was wäre das für eins?

Um…

Patrik: Judas Priest? Die haben ein geiles Logo!

Gelächter

Das erste, was mir eingefallen ist, wäre Hot Water Music. Aber das wäre so klischeehaft… Und außerdem habe ich die seit ungefähr einem halben Jahr nicht mehr gehört.

Billy: Ich hätte mein Zeug mitbringen sollen, dann hättest du heute Abend noch mit so einem nach Hause gehen können.

Ach, du tätowierst?

Diana: Billy hat uns alle schon gestochen, mit unserem Bandlogo, im Studio. Das Logo auf dem Cover.

Dabei gibt es euch doch erst seit etwas mehr als zwei Jahren.

Diana: Wir waren in Neustadt bei Mannheim bei einem Freund von uns.

Patrik: Der auch unser erstes Tape hier in Berlin aufgenommen hat.

Diana: Genau. Da waren wir eine gute Woche und hatten eine schöne Zeit, obwohl es sehr anstrengend war. Deshalb war es auch okay, sich das Logo von der Platte, die wir eben erst aufgenommen hatten, stechen zu lassen.

Cover_moc058_NervousDer Baseball-Schläger und die beiden Sais?

Irem: Das passte zu der Stimmung. Einen Tag, bevor wir losgefahren sind haben wir bei der Probe besprochen, was auf das Cover kommen soll. Wir wollten es simpel halten, nur den Bandnamen. Als ich von der Probe nach Hause kam, dachte ich: Irgendetwas fehlt da. In der Nacht hatte ich dann die Idee mit dem Baseballschläger und den Sais. Erstens, weil ich drei längliche Gegenstände nebeneinander so simpel fand und außerdem, weil ich den Kontrast zwischen Baseballschläger und Sai sehr geil fand. In der Nacht habe ich das kurz mit Photoshop zusammengeschustert und hatte es dann auf dem Laptop, um es der Band vorzustellen. Wir kamen spät an und waren zu müde, um anzufangen. Billy kam dann mit seinem Tätowierkoffer und versprach uns ein paar Tattoos. Da dachte ich, dass ich mich gleich ranhängen könnte und allen das Logo gezeigt. So führte dann eins zum anderen.

Ich fand das Logo gelungen, da es den Plattentitel beziehungsweise die Texte der Platte sehr gut widerspiegelt. Der Baseballschläger als Sportinstrument einerseits, als Waffe andererseits. Und die Sai, die mich zuerst an die Teenage Mutant Ninja Turtles denken ließen.

Irem: Was mich auch ein wenig inspiriert hat, war unser Promo-Foto, auf dem auch ein Baseballschläger zu sehen ist. Man kennt ja die ganzen Punkplatten, auf deren Cover ein Molotow-Cocktail zu sehen. Molotow-Cocktail, auf Nahkampf aus… Aber ich dachte mir: Es gibt noch andere Möglichkeiten. Nimm doch einen Baseballschläger und Sais.

Patrik: Was du ausgesucht hast, ist wesentlich edler.

Diana: Ich fand es sehr passend. Im Grunde sind beides Waffen, aber komplett verschiedene. Ich vergleiche das häufiger mit unserer Musik. Wir machen eher Hardcore Punk, haben aber auch ganz andere Einflüsse.

Patrik: Wir haben alle dasselbe, aber die Einflüsse sind verschieden. Ich hör zum Beispiel viel Ska.

Hattest du bei eurem Hip Hop- beziehungsweise Dub-Tape auch deine Finger im Spiel? Das hatte ich mich nämlich auch gefragt: Stammt das von euch als Band oder nur zum Teil?

Patrik: Das waren Matti und ich. Wir wohnen im Wedding zusammen und er kam eines Tages mit einem Mini-Keyboard nach Hause. Dann haben wir uns an seinen Laptop gesetzt und eines führte zum anderen. Das hat irgendwie schon in uns gesteckt. Matti hat das noch später verfeinert.

Aber warum habt ihr das über den Namen Nervöus veröffentlicht?

Diana: Nee, das ist el atea.

Ah, ach so. Es steht aber auf eurem Bandcamp-Account.

Patrik: Ja, aber es ist auch in der Platte vermerkt, dass die Skits von el atea sind.

Diana: Die kann man sich als Album auch separat runterladen.

Patrik: Die Beats, die Matti und ich da produziert haben, fließen natürlich auch in die Band ein.

Als ihr angefangen habt habt ihr euch ja noch im klassischen, schnörkellosen Hardcore Punk bewegt, wie er auf euren ersten Tapes zu hören ist.

Patrik: Ja. Erst mal Platz machen im Schrank. Erst mal das machen, was man wirklich machen will und hat man das auch nach den ersten beiden Tapes erledigt und dann fängst du an.

Ihr seid also schon mit dem Gedanken an die Band herangegangen, die Art von Musik zu machen, die auf den ersten beiden Tapes zu hören ist.

Irem: Wir wollten uns damit identifizieren können. Man will sich weiterentwickeln und wenn man in den Spiegel schaut sieht man sich als Menschen. Und man ist ja nun mal recht facettenreich und will sich in keine Schublade stecken lassen. Deshalb macht man eben das, was man kann und versucht das Beste rauszuholen.

Diana: Es zuckt halt manchmal in den Fingern, was Neues auszuprobieren und andere Einflüsse reinzubringen. So, dass man nicht mehr sagen kann: „Das sind Nervöus aus Berlin und die machen Hardcore Punk“, sondern: „Das sind Nervöus aus Berlin und die machen… Ja, was eigentlich?“

Irem: Wonach sie sich fühlen. Ich als Mensch habe verschiedene Emotionen und die kann ich verschiedentlich ausdrücken und nutze dafür die Kapazitäten, die ich habe. Und wenn dazu ein jazziges Schlagzeug besser passt, dann go for it!

Patrik: Und wenn da eine Reggae-Bassline besser passt, dann kommt auch eine Reggae-Bassline und keiner merkt’s.

Diana: Ist auch schön, wenn die ganzen Punk- und Hardcore-Kids, die Ska und Reggae gar nicht leiden können, dastehen und das feiern.

Woher kommt eigentlich der Name el atea?

Patrik: Das kann Matti erklären.

Billy: War das nicht: „Die Gottlose“?

Patrik: Das war wirklich klischeehaft, wir saßen nachts um vier mit dem kleinen Keyboard auf der Couch, haben einen gekifft und dann kam: „Ey, lass uns doch einfach el atea nennen.“ – „Okay, cool.“

Gelächter

Und der EP-Titel „nullachtsechzehn“?

Irem: Na, weil’s besser ist als 08/15, aber so gut sind wir auch halt nicht.

Diana: Wir haben uns nicht so weit vom Durchschnitt entfernt. 08/15 ist halt das Rohmaterial, das Flache, aber wir sind nur einen Schritt weiter gegangen.

Und warum als Tape?

Patrik: Wir hatten kein Geld. Wir haben aber einen lieben Freund, Fischi, der Mustard Mustache betreibt und uns häufiger mal zum Inlayfalten einlädt. Er wollte es machen, wir hatten Bock drauf – dann läuft das halt.

Also eher pragmatische Gründe?

Irem: Ich wollte von Anfang an Tapes, weil man die für billiges Geld rausgeben kann. Und dann hat man einerseits diese Hardware als Gimmick zum Anfassen und die Software kann man sich runterladen. Ich halte es für die bessere Form von Datenträger. Denn CDs…

Patrik: Da waren CDs schon tot.

Diana: CDs liegen im Auto rum und zerkratzen, das ist leider der Sinn der CD geworden. Es hat nicht mehr diesen speziellen Wert. Wenn man aber ein Tape aufnimmt, ist das ein wenig wie früher, als man vor dem Radio saß und nur die speziellen Sachen aufgenommen hat.

Patrik: Ja, ein Tape ist persönlicher.

Diana: Ich habe damals zum siebzehnten Geburtstag ein Tape von G.G. [Patrik, Anm. d. V.] bekommen, das war das schönste Geschenk, das ich jemals gekriegt habe.

Es klingelt an der Tür. Matti kündigt sich endlich an. Die Hunde rasten aus.

Um Tapes wurde in letzter Zeit viel Wirbel gemacht. Vor ein paar Tagen fand der Cassette Store Day statt, das Äquivalent zum Record Store Day.

Diana: Es ist auch echt geil, wenn man Tapes hat und wir sind ja auch häufig in Ostdeutschland auf Tour und eine Platte kostet auch einfach einen Zehner und das ist nur ein Zehner für uns, aber ja – das kannst du auch nicht verkaufen, das tut einem im Herzen weh, wenn die Leute schon drei oder vier Euro für den Eintritt zahlen und dann noch einen Zehner für die Platte hinlegen müssen.

Patrik: Es war auch zu früh für eine Platte, das Material. Das hätte sich nicht richtig angefühlt.  Wir bekamen ja mehr oder weniger ein Angebot von Moment Of Collapse. Auf Tour haben wir bei dem geschlafen und der hat uns direkt angesprochen und danach lief das.

Matti kommt herein und erzählt, dass er doch nicht wegen des Lady Gaga-Konzerts zu spät gekommen ist. Das hat nämlich nie stattgefunden.

Ihr seid ja eh ständig auf Tour, so kommt es mir vor. Zumindest habe ich das Gefühl, ständig euren Namen zu lesen.

Patrik: Darum geht’s ja! Das word spreaden.

Irem: Touren versuchen wir schon zwei im Jahr hinzukriegen. Die andere Welt, die working class gibt nicht mehr her.

Klingt ambitioniert.

Patrik: Tja, bei acht Euro die Stunde musst du schon gucken, wie du das macht.

Ihr habt also bei Basti von Moment Of Collapse gepennt und Patrik hat ihn lange merkwürdig angestarrt und er meinte „Okay, okay, ich mach eine Platte mit euch“ – oder wie lief das?

Patrik: Billy hat eine Riesennase bekommen wegen seiner Katzenallergie und Basti hatte Mitleid und hat dann gesagt: „Wisst ihr was, ich bring eure Platte raus.“

Gelächter

Diana: Nein, er hat Billys Koffer verloren!

Patrik: Er fand es schön, was wir gemacht haben und wir fanden schön, dass er’s schön fand.

Irem: Wir hatten ein gutes Konzert in der Roten Flora in Hamburg, das gut besucht war und wir bekamen auch gutes Feedback. Ich vermute, Basti war wohl auch im Publikum und es war eines unser spielerisch besten Konzerte.

Diana: Es war ja nicht nur Basti, sondern auch Max von Microsleep und Majki aus Polen, der Up The Punx betreibt. Die haben uns sehr geholfen und ohne sie hätten wir die Platte wohl niemals realisieren können und es wäre nur wieder ein Tape geworden.

Warum habt ihr eigentlich „Empatheroine“ für die LP neu aufgenommen?

Matti: Vom ersten Tape ist auch ein anderer dabei.

Patrik: „Philosymphonie“, das ist „HierWirdNichtGemeckert.“ Wir haben uns aus allem was heraus gepickt. Wir haben die beiden besten Songs von den Tapes noch mal neu aufgenommen.

Diana: Das sind die, die wir gerne noch fünf Mal im Jahr spielen möchten und die das Publikum auch hören mag. Der Inhalt war uns auch extrem wichtig, das wollten wir auch nicht loslassen. Es waren die wichtigsten Texte.

Ich fand, dass die ersten beiden Tapes und das el atea-Projekt durch die LP rückblickend sehr gut zusammenpassen, da die beiden Einflüsse auf dem Album zusammengeführt werden. Was die Lyrics angeht, scheint es meiner Auffassung nach auch einen roten Faden zu geben. Die Reihenfolge, in der die Texte zu lesen sind, scheint mir sehr bewusst gewählt.

Matti: Zufall.

Diana: Die haben alle dieselbe Aussagekraft, aber die sind nicht in einer bestimmten Reihenfolge angeordnet.

Naja, der erste Text als lebenbejahendes Manifest, dann folgt der Konflikt eben damit mit den gesellschaftlichen Erwartungen, dann die Sache mit der Zufriedenheit, das alte Leben hinter sich zu lassen und einen anderen Weg einschlagen. Dann kommen die letzten beiden und präsentieren eine Art Lösung für diesen Konflikt, der bereits angesprochen wurde.

Patrik: Da bist du uns einen Schritt voraus.

Gelächter

Diana: Das war eine Gefühlssache.

Irem: Das passierte eher unbewusst als bewusst.

Hm. Für mich machte es auf jeden Fall sehr viel Sinn, die so in dieser Reihenfolge zu lesen.

Irem: Beim nächsten Interview tun wir einfach so, als hätten wir das bewusst gemacht.

Gelächter

Aber dann erklärt doch diesen Konflikt, der auch vom Plattentitel aufgegriffen wird.

Diana: Es geht immer um den Menschen.

Patrik: Den Zeitgeist.

Irem: Konkret gesagt: Man ist vegan oder vegetarisch und will etwas Gutes tun damit. Man will nicht, dass Tiere geschädigt werden. Aber man ist ständig in diesen Konflikt verwickelt, einerseits durch den eigenen Konsum ein bisschen was beeinflussen zu wollen. Aber wenn deine Schuhe Leder enthalten, musst du bessere auftreiben. Du bleibst aber ein Mensch mit Bedürfnissen, der in dieser Gesellschaft erzogen worden ist und mit all diesen Normen aufgewachsen ist. Meine Mutter zum Beispiel glaubt, der Mensch braucht Fleisch und wir wären alle Fleischfresser. So ist man immer in den Konflikt verwickelt, den eigenen Wert gerecht zu werden und die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen und die Norm zu überprüfen, sich selber zu reflektieren und den eigenen Lebensstil für sich selber herauszufinden. Und das ist anstrengend.

Matti: Es gibt trotzdem Menschen, die beispielsweise auf Wagenplätzen leben und sich autark versorgen und das auch gut machen, aber das ist dem Rest der Gesellschaft einen guten Schritt voraus.  Und wir machen das nicht und da eröffnet sich der Konflikt: Inwiefern ist das, was ich tue oder tun möchte, wirklich nachhaltig? Alpro zum Beispiel gehört mittlerweile zu einem Milchkonzern. Man möchte etwas Gutes tun, aber müsste gleich zwei Schritte weiter gehen, um etwas noch Besseres zu tun.

Irem: Es ist nie genug. Und niemand kann die Frage beantworten, wie viel denn nun genug wäre. Wenn du dir einen Veggie-Döner von jemandem kaufst, der auch Fleisch verkauft, dann finanzierst du automatisch die Fleischindustrie mit. Du willst etwas verändern, aber du unterstützt es doch.

Diana: Der Mensch macht sich kaputt damit. Mit diesen Zwängen, sich so sehr das Hirn zu zermartern darüber, was nun das Richtige sei und irgendwann doch nur vor einem Trümmerhaufen zu stehen.

Patrik: Das lässt dich schon wieder schlecht fühlen. Du willst was Gutes tun und wenn du dir zu viele Gedanken machst, verfällst du eh nur wieder in Selbstkritik. Das ist auch kontraproduktiv.

Irem: Die Dinge, die du dazu beitragen möchtest, damit sich die Gesellschaft ändert, scheinen dann schon wieder so nichtig.

Patrik: Du spürst die Ohnmacht.

Irem: Durch den Anbau von Soja stirbt ja auch der Regenwald.

Ich hatte auch den Text von „Philosymphonie“ unter diesem Aspekt gelesen – ist das so zu interpretieren, als dass diese unauflösbaren Widersprüche manchmal einfach als solche hinzunehmen sind?

Diana: Da geht es eher darum, dass jeder Mensch etwas anderes braucht, um zufrieden zu sein. Der eine ist mit seiner Plattenbauwohnung zufrieden, der andere fühlt sich dann am besten, wenn er autark lebt. Zufriedenheit steckt in einem selbst und die kann nur erreicht werden, wenn man seine Ziele erreicht.

Irem: Dazu muss man sagen, dass unsere Texte bewusst so geschrieben sind, dass jeder seine Interpretation daraus mitnehmen kann. Wir wollen aber auf jeden Fall zur Reflexion anregen. Unsere Texte und die darin ausgedrückten Meinungen sind aber nicht in Stein gemeißelt. Wir machen uns Gedanken um unsere Texte, wollen aber, dass sich die Leute ihre eigenen dazu machen. Wir wollen allerdings niemandem etwas vorschreiben, sondern nur den Sachverhalt schildern. Wenn du also dein eigene Interpretation hast – danke! Ich finde das schön, denn das wollten wir damit bezwecken. Zum anderen geht es in dem Text von „Philosymphonie“ auch darum, dass viele Leute gesellschaftlich vieles anerzogen kriegen und sich ein Druck aufbaut, dass sie einen bestimmten Soll erfüllen müssen, um zur Gesellschaft dazu zu gehören. Daran scheitern viele kläglich und werden unglücklich. Aber manche brauchen eben keine dicke Karre. Und wenn doch, schön – go for it!

Da stellt sich aber die Frage: Mit einer Punkplatte mit einer Auflage von 300 Stück, die nur von einer bestimmten Subkultur rezipiert wird, die sich sowieso zum Ziel gesetzt hat, das richtige Leben im falschen zu leben.

Matti: Aber genau das ist der Punkt: Gerade bei den Politbands wird häufig der Zeigefinger ausgepackt. Das ist etwas, was ich mir verbieten würde, weil es genug Sachen gibt, die du nie hundertprozentig richtig machen kannst. Worauf auch immer diese Richtigkeit hinauslaufen sollte.

Deswegen fand ich diese Wahl – „Soll ich Konfetti oder Steine schmeißen“ – auch so krass.

Matti: Das ist geklaut.

Diana: Das ist von einem Freund [Tim, Feature-Gast auf dem Song „Schwermutwillig“, Anm. d. Verf.] von Ultimativ, die machen Hip Hop, der hat uns zu diesem Satz inspiriert.

Das ändert ja aber nichts daran, dass es drastisch formuliert ist – ganz so, als müsste man sich unbedingt für eine der beiden Möglichkeiten entscheiden, um das „Richtige“ zu tun. Und gerade in der Punk- und Hardcore-Szene scheinen mir doch viele Dogmen vorzuherrschen…

Patrik: …in jeder Subkultur!

Matti: Das funktioniert schon als Band gar nicht. Du hast ja den Ansporn, auf Tour zu gehen und kaufst dir Musikinstrumente, die aus irgendwelchen Edelhölzern gefertigt sind und kaufst Sachen, die nicht Fair Trade sind. Du verballerst einen Haufen Sprit und fährst in der Weltgeschichte umher…

Irem: …säufst aus Plastikflaschen…

Patrik: …und holst dir W-LAN bei McDonald’s.

Matti: Bei den Veranstaltungen selber wird dann eine Menge Bier und Strom verbraucht. Das macht es für mich schwierig, diesen Zeigefinger auszupacken. Wenn es bei uns eine Kritik gibt, dann die, dass die Sache mit dem ausgestreckten Zeigefinger nur eine halbdurchdachte Sache ist. Wir wollen eher diesen Konflikt, den wir dabei haben, beschreiben.

Aber gibt es keine Möglichkeit, beides – Konfetti und Steine zu schmeißen – zu kombinieren? Ihr macht ja auch Musik – habt also Spaß – und wollt trotzdem zur Reflexion anregen, etwas verändern.

Patrik: Es heißt ja: „Soll ich…“ und nicht „ich werde…“.

Matti: Das sind die beiden Extreme.

Diana: Das sind die Endpunkte, an die du immer wieder gelangst und an denen du dir die Frage stellst, für was du dich nun entscheiden sollst. Die Zeile ist gewissermaßen eine Momentaufnahme davon.

Irem: Wir haben einfach diese Musik im Kopf und die Zeile hat dazu gepasst – zu der Rhythmik, zu den Tönen und dem Gefühl, das wir vermitteln wollten.

Patrik: Der Tim war dabei und hat zum Schluss halt den Hammer ausgepackt.

Diana: Der Song ist nachts um Vier im Proberaum entstanden und wir haben die ganze Zeit gebrainstormt.

Ihr habt ja auch Musikrichtungen zusammengebracht, Hardcore – als ein sehr hermetisches Genre, in dem die Ideen von Nation Of Ulysses und Fugazi nicht wirklich gefruchtet haben – mit Dub- und Hip Hop-Elementen vermischt. Das schien mir auch ein Statement zu sein.

Patrik: Ein Statement von Musikern, die wirklich Musik machen und wenn Musik gut ist, dann ist sie gut. Wenn irgendein Hardcore-Atze meint, er fände dies ganz nett und das ganz ordentlich, aber in seiner Musik habe das nichts zu suchen – damit kann ich nicht leben.

Diana: Wir sind fünf verschiedene Menschen, die fünf verschiedene Leben führen und jeder hört Musik, die die anderen nicht gehört haben. Und wenn man das alles zusammenmischt, kann man das nicht in nur einem Musikstil vereinen.

Irem: Es ist nicht unsere Hauptintention gewesen, aber ich denke schon, dass wir keine Band sind, die zu einem klassischen Punk- oder Hardcore-Line-Up passen. Wir wollen ja auch möglichst viele Leute erreichen.

Patrik: Der Spaßfaktor spielt natürlich auch eine große Rolle. Ich habe manchmal das Gefühl, dass jede zweite Band nur jede dritte Band kopiert. Und dann sich Dinge zu nehmen und zu experimentieren und auch zu merken: Das funktioniert!

Irem: Es geht eher ums Passen als ums Wollen. Für uns muss es Sinn machen und passen. Und wenn da eine Reggae-Bassline passt, dann passt sie eben.

Patrik: Oder eben Hip Hop-Beats.

Im ersten Moment wirkt es allerdings wie ein Stilbruch gegenüber euren ersten beiden EPs, auf denen ihr noch relativ straighten Hardcore-Punk gemacht habt.

Matti: Wir haben eben in den letzten Jahren viel Hip Hop gehört und dann stand da plötzlich dieses Keyboard da, das wir dann benutzt haben. Uns gefiel aber auch die Vorstellung, dass die Leute aus der Hardcore- und Screamo-Szene, die bei Reggae oder Ska normalerweise abkotzen, mit gerade damit zu konfrontieren. Ich empfinde es nicht mal als Stilbruch, weil es natürlich schon oft gemacht wurde, Hardcore mit Hip Hop zu kombinieren.

Patrik: Wir haben damals dieselbe Musik auch schon gehört. Das hat in uns gebrodelt, wir hatten nur eben nicht die Möglichkeiten.

Matti: Aber dann habe ich mir das Keyboard für 20 Euro angeschafft und ein wenig rumgetüftelt und dann…

Patrik: …lief es von alleine!

Irem: Wir sind auch fünf Menschen, die sich musikalisch vorstellen, einander akzeptieren müssen und einen gemeinsamen Mittelpunkt finden müssen. Da ist eine Art Selbstfindungprozess – und auf den ersten beiden Tapes hatten wir uns noch nicht so gut gefunden. Mittlerweile aber hatten wir die Möglichkeit, uns vorzustellen, kennenzulernen – und dabei ist eben das heraus gekommen.

Patrik: Wir haben auch ein gutes gegenseitiges Verständnis, weil wir uns alle sehr gut kennen. Deswegen kommt eben etwas einigermaßen Hörbares bei herum.

Mein Eindruck ist, dass in der Punk- und Hardcore-Szene Authentizität und Realness so dermaßen hoch gehalten, dass der Blick über den Tellerrand versperrt ist.

Patrik: Es ist mittlerweile zum Sport geworden, was Gutes zu kopieren anstatt dein eigenes Ding zu machen. Und dann heißt es: „Guckt mal, wir haben’s voll drauf.“ Aber nein, habt ihr nicht – ihr habt nur nachgemacht.

Diana: Du darfst den Spaß daran nicht vergessen. Wenn du deine 150 Shows im Jahr spielen willst, muss der dabei sein, sonst eskaliert es.

Billy: Es gibt auch Sicherheit, zu kopieren anstatt etwas auszuprobieren, was vielleicht keine Früchte trägt.

Irem: Oder Moden nachzuahmen.

Gerade der Vorwurf, nur zu kopieren, wird häufig gegen Bands ins Feld geführt, die versuchen, etwas anders zu machen. Ich denke da an Refused, die für viele nur eine Nation Of Ulysses-Coverband zu sein scheinen. „Die Kopie der Kopie der Kopie“, habe ich mal gelesen.

Matti: Sag nichts Schlechtes über Refused!

Wollte ich überhaupt nicht. Im Gegenteil.

Diana: Die haben es halt neu verpackt und vor allem richtig verpackt.

Denen wurde es aber vorgeworfen, weil sie damit Kohle verdient und mehr Leute erreicht haben.

Band1Welcher Gedanke steckt eigentlich hinter der Zeile „Empathie ist die neue Superkraft“ aus „Empatheroine“?

Diana: Der Held, der in jedem von uns schlummert. Man muss nicht vom Boden abheben um ein Superheld zu sein oder einem nacheifern, um super zu sein. Man kann auch einfach mal einer älteren Dame die Tür aufhalten.

Billy: Es sind eben die kleinen Dinge, die letztlich wichtig sind.

Matti: Es geht darum, der Gesellschaft etwas Positives zu geben. Einerseits, weil es ein gutes Gefühl gibt, andererseits kannst du damit auch andere Leute aktivieren, etwas zu tun.

Diana: Es ist die wichtigste Superkraft im Alltag, die man zum Überleben braucht, um mit anderen Menschen in dieser Gesellschaft zurechtzukommen.

Patrik: In Berlin wird doch jeder liegengelassen. Wenn jemand 50 Cent für einen Straßenfeger haben will, heißt es nur: „Verpiss dich!“ Da musst du gegen ankämpfen, da musst du etwas gegen machen.

Irem: Und wenn du die 50 Cent gerade nicht über hast, kannst du der Person aber immer noch in die Augen schauen und „Nein, Dankeschön und schönen Tag noch“ sagen.

Matti: Um zu zeigen, dass du die Menschen wahrnimmst.

Diana: Oder einfach überlegen, was du anderes geben könntest.

Patrik: Statt der kalten Schulter.

Irem: Es geht darum, die eigene Umgebung wahrzunehmen, zu realisieren, dass man nicht alleine ist und Offenheit zu zeigen.

Matti: Und darum, zu zeigen, dass du deinen Gegenüber und seine Situation wahrnimmst.

Irem: Eine Geschichte, die mir passierte, als ich noch sehr klein war und die ich immer wieder gerne erzähle: Es war im Winter, ich sehr krank und musste zum Bus hetzen, war total müde, wobei ich fast überfahren worden wäre. Alles war scheiße, alles war trist. Dann gingen die Bustüren auf und der Fahrer schaut mich an und fragt mich: „Hey, warum guckst du denn so traurig?“ Dann meinte ich: „Ich bin krank“ und er antwortet: „Steig ein, ich fahr dich sofort nach Hause.“

Gelächter

Irem: Das war total süß und es ging mir viel besser. Es hat mir Kraft gegeben und mich aufgemuntert. Mir ging’s trotzdem scheiße, aber das war nett und schön und hat etwas mit mir gemacht.

Das heißt abstrahiert doch das Private als Politisches zu begreifen – mit kleinen Taten auf die Gesamtgesellschaft einzuwirken.

Matti: Ja, genau.

Band2Kommen wir mal zu eurem Promo-Foto…

Gelächter

Ähm… Also: Wieso?

Irem: Wir hatten das doch schon mit dem Stilbruch.

Patrik: Die Personen auf dem Bild sind wir, die Outfits aber sind die Skits. Das verschmilzt alles auf dem Bild.

Irem: Nur weil wir uns im Punk-, Hardcore- und Screamo-Bereich ausdrücken, heißt das noch lange nicht, dass wir nicht offen für andere Dingen wären.

Diana: Dieses Bild an sich passt einfach nicht in diese Szene.

Gab es denn Reaktionen darauf?

Matti: Tatsächlich hätte ich heftigere Reaktionen erwartet.

Diana: Es wird immer nur belächelt, aber ich denke, das ist auch genau das Richtige. Die Leute wissen halt, wer dahintersteckt und sehen uns so, wie wir sind.

Billy: Was hast du denn gedacht?

Dass ihr schon damit spielen und provozieren wolltet. Ich sehe jeden Tag mindestens fünf todernste Musikvideos, die vor Lagerhallen-Background Macho-Klischees abspulen. Da fand ich es zur Abwechslung tatsächlich cool, etwas Glam reinzubringen.

Billy: Wenn du dich durch YouTube durchklickst und dir Videos anschaust und daneben noch weitere Vorschläge siehst, ist es fast so, als würdest du immer dieselbe Band hören und dasselbe Video sehen. Das ist dann im Wald und du fragst dich: „Wo kriegen die den Strom her?“

Langes, lautes Gelächter

Billy: Hauptsache die Moves sind cool und das Haupt zappelt. Das ist völlig einstudiert. Das Bild – ich weiß nicht, ob ich da auch für euch spreche – sehe ich nicht unbedingt als Provokation an. Sondern eher als Hinweis darauf, dass nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Ich würde Leute, die so aussehen wie wir auf dem Bild, wohl eher nicht ansprechen. Es gibt natürlich einen Kontrast zwischen dem optischen Erscheinungsbild und der Musik, die dahintersteht. Das Elitäre, Engstirnige, Versteifte, das muss nicht sein. Wir haben die Möglichkeit, Inspiration aus allem, was uns zu Füßen liegt, zu ziehen und daran ein eigenes Gewand zu schneidern und eigene Inhalte daraus zu ziehen. In der Grundschule habe ich mal eine Karikatur gesehen, die ich übelst geil fand. Es waren zwei Personen von Vorne abgebildet, der eine sehr adrett, ein totales Vorbild, wie es einem eingetrichtert wird und der andere sah total ungepflegt aus, als könne er ja nur kriminell sein. Drunter aber war die Rückseite abgebildet. Der Glanzbursche hatte den Knüppel in der Hand, daneben war’s eine Blume. Dann kam die Frage auf, was wir denn von dem Bild hielten. „Das ist doch völlig falsch dargestellt, das passt gar nicht“, hieß es dann. Ich finde, dass genau diese Message auch hinter dem Bild und auch der Platte steht.

Irem: Gleichzeitig ein Geständnis an sich selbst: Ich bin nicht nur dieser Stereotyp, sondern ein Individuum und mache auch andere Dinge.

Matti: Und manchmal nicht so gut.

Irem: Aber ich habe auch Spaß drin, nicht nur in meiner Punkrockblase zu existieren, auch wenn ihr das vielleicht nicht so cool findet. Das war schon auch ein Versuch, herauszufinden, wer uns denn akzeptiert und wer nicht.

Dann gibt es noch ein sehr leidiges Thema, bei dem es schön wäre, müssten wir gar nicht darüber sprechen. Kommen wir also zu euch beiden, Diana und Irem.

Irem: Hi!

Diana: Hi, wir sind Mädchen!

Genau, ihr seid ja eine male-fronted Hardcore Band…

Patrik: Ihr seid Frauen und spielt in einer Band?

Irem: Ich finde es sehr interessant, in einer männerdominierten Szene zu sein, weil sich für mich immer wieder zeigt, wie der Mensch funktioniert.

Billy: Oder eben nicht, in Bezug auf einige Reaktionen, die wir erhalten haben.

Irem: Einige Menschen haben ein stereotypes Bild von einer männerdominierten Szene im Kopf und gleichzeitig auch von den Frauen in dieser Szene. Anhand von vielen Gesprächen, die ich auf Konzerten oder anderswo mit verschiedenen Menschen geführt habe, hat sich das zunehmend herauskristallisiert. Es gibt Vorurteile und Normen. Das fängt damit an, dass ich einmal nicht in den Backstagebereich hereingelassen wurde, als ich zu einem Konzert zu spät kam. Dann sollte ich meinen Stempel vorzeigen.

Matti: Natürlich sind Konzerte auch manchmal sehr unübersichtlich und es ist für die Menschen am Einlass nicht immer leicht, den Überblick zu bewahren. Trotzdem musste sie den Einlass davon überzeugen, dass sie zur Band gehört.

Irem: Ich habe ihnen gesagt, dass ich bei der Band bin. „Sicher? Welche Band denn?“, hießt es. „Nervöus“. „Sicher?“. „Ja, ich würde jetzt bitte gerne durch.“ Und wenn sie dann wissen, dass du wirklich in der Band spielst, kommen gleich die nächsten Vorurteile. Wenn du als Frau in einer Band bist, dann singst du natürlich entweder oder aber du spielst Bass. „Ach, du singst?“ war dann die nächste Frage. „Spielst du Bass?“ „Nein, an der Gitarre.“ „Ach so. Dann seid ihr also eine reine Frauenband?“ „Nein.“ „Aber ihr macht Drei-Akkord-Punk, oder?“ „Nein, wir variieren da schon stilistisch. Ich war auch auf der Musikschule und hab da ein bisschen was gelernt.“ Ganz am Anfang war es für mich sehr schwierig, überhaupt jemanden zu finden, der mit mir spielen wollte, mich nicht auf mein Geschlecht reduzieren würde. Viele Männer, die weniger gut als ich Gitarre spielten als ich, nahmen mir das regelrecht übel. Ich bin auf harte, unfaire Kritik gestoßen.

Es wird also mehr gekrittelt?

Matti: Die Selbstverständlichkeit bleibt auf der Strecke. Es wird öfter nachgefragt.

Diana: Und wenn es dann mal nicht so gut gelaufen ist, dann heißt es manchmal: „Naja, ihr habt es ja einfacher – ihr habt ja auch Mädels in der Band.“ Wie unfair ist das denn bitte gegenüber den anderen? Es gibt zwischen uns keine Unterschiede, wir sitzen alle zusammen im Proberaum und arbeiten gleich hart an uns. Wir haben es nicht einfacher, sondern manchmal sogar schwieriger, weil die Leute uns genauer auf die Finger schauen. Das ist in den Köpfen unserer Generation immer noch präsent. Die Jungs nehmen uns die Amps ab, wenn wir sie von der Bühne tragen wollen. Wo ich mir denke: Gut, wenn du meinen Amp nimmst, dann nehme ich mir halt alleine die Box vor.

Patrik: Oder aber wir werden angeschnauzt, wenn wir sie nicht tragen.

Diana: Genau. Patrik hat einen Bandscheibenvorfall. Wenn wir seine Sachen tragen, bekommt er dumme Sprüche reingedrückt. Es ist schon traurig zu sehen, dass Menschen, die sehr aufgeklärt wirken, in solchen Situationen dann doch an ihre Grenzen stoßen und nicht über den Tellerrand hinausschauen können.

Irem: Es ist nicht durch die Bank durch so. Wir bekommen auch viel cooles Feedback, das nicht nur nach dem Schema „Hey, du bist ja ein Mädchen!“ abläuft, sondern sich auf die Musik bezieht. Uns ist klar, dass wir eine Ausnahme darstellen und der Gedanke, dass wir andere Mädchen davon überzeugen könnten obwohl es manchmal nicht gern gesehen wird, gefällt uns dabei sehr gut.

Dass eine Art struktureller Sexismus besteht, zeigt sich allein schon in den Review-Sektionen von Fanzines. Da wird dann Begriffen wie „female-fronted Hardcore“ hantiert. Als Genrebegriff macht das natürlich keinen Sinn.

Matti: Das ist eine typische Vereinfachung.

Diana: Wir sind leider noch lange nicht an dem Punkt angekommen, wo es völlig egal wäre, wer da nun auf der Bühne steht – so sollte es eigentlich sein, aber bis dahin ist es noch ein langer Weg. Es sind keine Frauen, die dort auf der Bühne stehen, sondern Menschen. Und wenn wir zu einer Veranstaltung eingeladen werden, weil dort ein paar andere Bands mit weiblichen Mitgliedern spielen, finde ich das den anderen Drei gegenüber unfair: Wären Irem und ich nicht in der Band, hätte man sie nicht eingeladen.

Da stellt sich allerdings die Frage: Braucht es solche Veranstaltungen nicht, um die Sichtbarkeit von Frauen in der Subkultur zu erhöhen? Ähnliche Motive stecken ja zum Beispiel hinter den Ladyfesten der Riot Grrrl-Bewegung.

Matti: Es ist zwiespältig. Ich finde diese Veranstaltungen sehr gut, bei denen versucht wird, alles in weiblich sozialisierte Menschenhände zu legen, aber letztlich ist das in meinen Augen auch eine Form von Sexismus. Ich hoffe, dass wir bald den Punkt erreicht haben, an dem es eben egal ist.

Irem: An dem nach dem Können und nicht dem Geschlecht bewertet wird.

Allerdings wird so gezeigt, dass es in der Subkultur viele Frauen gibt, die interessante Musik machen.

Matti: Aber ganz ehrlich: Wer kommt denn auf solche Konzerte?

Zum überwiegenden Teil Frauen. Wenn eine Frau hinter dem Mikro steht, findest du zumeist auch mehr im Publikum, als das sonst der Fall wäre.

Diana: Was ja auch keine schlechte Sache ist.

Irem: Genau. Wenn es die Distillers nicht gegeben hätte, hätte ich vielleicht selbst nicht mit der Musik angefangen. Ich war dreizehn Jahre alt und habe gesehen, dass da eine Frau genau dasselbe macht wie sonst die Männer. Das habe ich damals wirklich gebraucht. Von alleine hätte ich mich sonst vielleicht nicht an die Gitarre gesetzt.

Matti: Dazu kommt, dass die Distillers zu ihrer Hochzeit eine qualitativ wahnsinnig gute Band waren. Da war es egal, dass da eine Frau hinter dem Mikro stand und Gitarre spielte.

Irem: Das war sehr inspirierend zu sehen. Eine Frau, die weit besser als manch andere männliche Musiker war.

Diana: Unsere Generation braucht das glaube ich – leider – immer noch. Es ist ein Entwicklungsprozess, der immer noch notwendig ist.

529564_410644448970927_1445131509_nTrotzdem ist es auffällig, dass es zwar zunehmend mehr Frauen am Mikrofon zu hören gibt, die Zahl von Musikerinnen an den Instrumenten aber noch verschwindend gering ist. Was knapp 25 Jahre nach Riot Grrl schon sehr bitter ist.

Irem: Uns wird schon vor Augen geführt, dass wir schon eine Art Vorreiterrolle einnehmen. Einerseits erschwert es uns einiges, wir können aber auch nicht leugnen, dass wir deswegen hin und wieder zu Veranstaltungen eingeladen werden und wir für die Leute interessant werden. Trotzdem ist es mies den Vorwurf zu hören, wir würden nur eingeladen werden, weil wir Frauen an der Gitarre haben. Wir wissen schon, was wir tun – wir können den Takt halten.

Diana: Nach zwei Wochen zusammen im Tourbus fragt sich keiner von uns mehr nach dem Geschlecht der anderen. Deswegen kommt sowas immer wie ein Schlag in die Fresse.

Matti: „Und, habt ihr die gefickt?“, hieß es auch schon mal.

Irem: Wir würden mit den Veranstaltern schlafen, damit sie uns booken – hatten wir alles schon. Es kommt selten vor, aber es kommt vor und das ist traurig.

Billy: Da wären wir wieder bei der Sache mit dem erhobenen Zeigefinger. Denn obwohl wir doch in der Szene eigentlich alle dieselbe Grundeinstellung mitbringen, scheint es immer noch wichtig zu sein, die Menschen zur Reflexion anzuregen. Das political correctness-Gewand ist zwar ziemlich in und plötzlich labern alle etwas von Sexismus und kommen nach dem Konzert trotzdem zu mir und erzählen mir, wie geil die Titten unserer Gitarristinnen beim Gig gewackelt haben. In solchen Situationen bin ich total baff. Ich denke, da ist noch viel Aufklärung notwendig. Was nicht heißt, dass wir jemanden belehren wollen.

Matti: Wir haben das Glück, das auf diese Art zu tun, weil wir als Band funktionieren, in der beide Geschlechter vertreten sind.

Patrik: Weil wir uns aber schon vor der Band kannten.

Irem: Die erste Tour war für uns desillusionierend. Als Billy mir das mit den Kommentaren erzählt hat, ging es uns Tage danach noch mies. Ich hatte in der Situation Spaß auf der Bühne und nicht an meine Brüste gedacht! Wir haben aber gemerkt, dass wir vorsichtig sein müssen. Und mit der Zeit entwickelt man eine harte Schale.

Diana: Mittlerweile belächeln wir das. Ab und zu haben wir im Nachhinein noch Kontakt mit den Leuten und versuchen, die Sache klarzustellen. Worum es aber nicht geht, ist das alles an den Pranger zu stellen. Es gibt einfach Gegenden, in denen es mit der Aufklärung noch nicht so weit her ist. Das heißt aber nicht, dass man danach gleich einen Blogeintrag schreiben muss, um den Leuten zu sagen, dass sie Sexisten sein. Viel sinnvoller ist es doch, die Aufklärungsarbeit selber zu leisten.

Irem: Wir belächeln es gewissermaßen auch, weil letzten Endes immer das Können im Vordergrund stehen wird. „Konfetti und mutwillige Zerstörung“ basiert ja gewissermaßen auch auf diese P.C.-Szene, die eigentlich faschistische Züge trägt. Jedes Wort wird dir im Mund umgedreht, du musst darauf achten, welche Getränke du trinkst und so weiter. Du kannst sehr schnell verurteilt werden und musst darauf achten, wie du dich gibst. Und das hat nichts mit Freigeistigkeit zu tun.

Patrik: Sondern eher was mit Religion.

Irem: Politcal correctness gibt es eben nicht. Ich bin ein Mensch, der mit Fehlern behaftet ist. Deswegen weiß ich eben nicht: „Soll ich Konfetti oder Steine schmeißen?“

Billy: Oftmals kriegst du solche Belehrungsfloskeln zwar reingedrückt. Nehmen wir das Beispiel Straight Edge: Du wirst von unten bis oben beäugt und abgestempelt und du wirst eingeschüchtert. Du wirst nicht als Teil der Szene anerkannt von Menschen, die zwar frei von Suchtmitteln leben wollen und trotzdem ihren Kaffee oder ihre Mate trinken. Das ist widersprüchlich.

Matti: Da äußert sich der Drang von Menschen, sich Dogmen zu schaffen.

Und sich zu distinguieren. Hardcore als exklusiver Club.

Irem: Man hat eben die Möglichkeit, zugehörig zu sein oder aber man selbst zu sein. Das verbietet einem aber die radikale P.C.-Szene.

Diana: Deswegen finde ich es toll, dass Billy bei uns singt. Das ist eine Form von Understatement, keinen muskelbepackten, oberkörperfreien Bollo da stehen zu haben, um die Leute zu animieren. Er schafft es eben anders und das macht Spaß, damit zu spielen. Und das, obwohl er Asthma hat!

Gelächter

Irem: Unser Sänger hat Asthma, wir machen uns die Zähne mit Grills kaputt – wir sind NERVÖUS. Danke!

Danke ebenso.

“Konfetti & mutwillige Zerstörung” ist auf Moment Of Collapse erschienen, im Shop vom dazugehörigen Mailorder Kollektif jedoch leider ausverkauft. Bleibt nur der hoffnungsvolle Gang zum nächsten Plattenladen des Vertrauens oder aber ein Besuch auf der Bandcamp-Seite der Band. Dort stehen alle bisherigen Releases inklusive des el atea-Tapes zum Gratisdownload bereit. Auf Tour sind ist das Quintett ebenfalls immer und ständig – Updates darüber gibt es auf Facebook. Und zum Schluss noch mal meinen persönlichen Favoriten:

4 thoughts on “Konfetti, Steine und Empathie als Superkraft: Ein Interview mit Nervöus

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