konkrit / Musik

] konkrit ] ( V )

Erinnert sich hier noch jemand daran, wie ich mal meinen Teil dazu beigetragen habe, dass sich eine Band auflöste? Nicht so ganz? Mein Interview mit Jamie Getz von Gods & Queens brachte diesen auf den Gedanken, er könnte das mit der Band glatt an den Nagel hängen. Sorry dafür. War nicht ganz das, was ich im Hinterkopf hatte. Eigentlich wollte ich ja mit Jamie über das latente Tourpech der Band sprechen und war vor allem neugierig auf die Geschichte, die sich hinter diesem T-Shirt verbarg. Die erfuhr ich dann auch und wie der Zufall es so wollte, hatte Dekor Labor tatsächlich noch eines für mich auf Lager. Yay. Kurz darauf führte ich  für das Ox Fanzine ein Interview mit Maik vom Dekor Labor  über sein Label Apocaplexy Records. Dabei fielen ein paar Puzzleteile auf ihre Plätze: Früher betrieb Maik auch das Minidisc-Label Ponyhell Records  und fertigt mit Nerdcore Records traumhaft aufgemachte Sonderveröffentlichungen auf Vinyl und Tape. Mit Phantom Records (scheinbar benannt nach meinem Lieblingssuperhelden aus Kindheitstagen) hat er eine weitere Baustelle aufgemacht. Und mir bereits mit dem ersten Release unwissentlich einen kleinen Traum erfüllt.

Japanische Kampfhoerspiele - Hardcore aus der ersten WeltSo affig das klingen mag: Ich hege nämlich eine  tiefschürfende emotionale Bindung gegenüber Japanische Kampfhörspiele. Viele gute Erinnerungen, von denen definitiv mehr als eine literweise Dosenbier und eine ganz bestimmte eine halbvolle Flasche Gin beinhaltet. Und da wäre ja noch die Autobahnfahrt Trier – Frankfurt/Hahn vor ein paar Jahren, JaKa in der Anlage und Adrenalinspiegel am Maximum (danke, Diego).

Affig mag das klingen, weil JaKa nun wirklich keine Band ist, die dich emotional triggert. Musikalisch war die Band einerseits im technischen Death Metal verankert ohne Lust auf dessen masturbatorisches Virtuositätsdogma zu haben, hatte andererseits genug politischen Esprit, um sich in Grindcore-Gefilden zu tümmeln und war smart genug, um sich nie in selbstaffirmativer Systemkritik zu verlieren. Hardcore aus der ersten Welt heißt ihre in meinen Augen beste Platte, die auf Phantom Records nun vor Kurzem endlich auf Vinyl neu aufgelegt wurde und zusätzliche Bonustracks sowie einen Aufnäher enthält.

Hardcore aus der ersten Welt hat neun Jahre nach seiner Erstveröffentlichung nicht an Relevanz verloren, keineswegs. Musikalisch betrachtet nicht und erst recht nicht inhaltlich. Denn so gediegen JaKa in die kapitalismuskritische Kerbe schlagen, sind ihre – angeblich collagierten – Texte schon immer voller Selbsteinsichten gewesen. Neben dem exzellenten Plattentitel finden sich auch auf Hardcore aus der ersten Welt ein Haufen gute Beispiele:  “Wenn du das hier hörst / und zufällig den Text mitliest, / weil man den ja nicht versteht”, “Ich höre Hardcore / wechsle zu Arcor”, etc. pp. JaKa waren eine Band, die sich bewusst waren, dass ihre Kritik an den Verhältnissen vor allem ein bestimmtes Klientel erreichen würden. Und das ihre Kritik an diesem Klientel so oder so einen doppelmoralischen Touch hat – denn auch Hardcore aus der ersten Welt ist nunmal ein Hardcore-Album aus der ersten Welt.

Kurzum: Die selbstironische und -kritische Reflexion lässt JaKa auch heute noch herausstechen. Vielleicht könnten sich ja mehr junge Bands daran ein Beispiel nehmen – und sei’s nur musikalisch. Denn, um das (eigentlich offensichtliche) noch mal zu wiederholen: Hardcore aus der ersten Welt ist eines der cleversten, brutalsten, tightesten und launigsten Platten, die in den letzten 15 Jahren dem Grindcore/Metal/Hardcore-Sumpf entstieg. Danke für das Vinyl-Release, Maik.

Sad Neutrino Bitches - SquawAls ich das erste Mal von den Sad Neutrino Bitches hörte, war ich zugegebenermaßen nicht wirklich angefixt. Garagiger Punk straight outta Jena mit dem Fokus “Adoleszenz, Arbeitslosigkeit & Geschlechtsverkehr”? Nicht mein Bier, bin ich doch mittelalter Selbstausbeuter, der für jeglichen Hedonismus schon mal gar keine Zeit hat. Aber da ich die zweite Phantom Records-LP (natürlich auch das: Vinyl only nur 300 Stück gepresst) schon mal hier liegen hatte, ließ ich mich in Windeseile eines besseren belehren.

Windeseile ist sowieso die einzige Geschwindigkeit, die ZachiGlorylory und Hühnchen (seid ihr eigentlich verwandt mit EckiKante und Kotze?) kennen. 14 Songs in wenig Zeit, die beiden längsten 2:19 Minuten lang, hektisch schrammelnde Gitarren, stampfende Drums und unverschämte, kreischige Hooks – auweia, das macht ja sogar mir tierisch Spaß. Das in Verbindung mit einem Robert Crumb-esken Artwork (mit enthalten: Eine Feder, na klar) und ich bin endgültig überzeugt. Raw Power, Digga!

Überraschenderweise also: Doch mein Bier! Und so gebe Squaw ich glatte vier von fünf möglichen Sternis. Allein schon, weil es sich mit vieren immer gut anzählen lässt. Also: Wann, tuh, srieh, foa! Und ab dafür. Übrigens ein Ko-Release mit Spastic Fantastic Records, was auch sonst.

Meurthe & Veuve S. S.Auch mit der Split-12″ zwischen Meurthe und Veuve S.S. ging ich das Wagnis ein, mal eine Platte blind zu ordern. Der Vorteil bei den Sachen, die Maik auf Nerdcore Records veröffentlicht, ist ja folgender: Wenn’s scheiße ist, kannst du’s dir immer noch an die Wand hängen. Was auf Nerdcore erscheint, wurde ebenso sorgsam wie umständlich aufgemacht und das Endresultat sieht eigentlich immer grandios aus – ein Vorteil, wenn man genug Erfahrungen mit der eigenen Siebdruckerei gesammelt hat.

Die Split der zwei französischen Bands erwies sich für einen Dulli wie mich allerdings zuerst als harte Nuss. Nachdem ich die Nadel aufgesetzt hatte, hörte sich das zuerst ziemlich unschön. Ich wusste ja von der Ein-Mann-Band Meurthe zwar soviel, als dass es sich um ein Drone-Projekt handelt, das klang aber eher nach Harsh Noise à la Vomir und Konsorten. Keine Überraschung, hatte ich die Nadel doch nicht auf die bespielte weiße Fläche gesetzt, sondern aus meiner geistigen Dauerumnächtigung heraus auf die Automatik meines Plattenspielers vertraut – woraufhin die Nadel natürlich über den besiebdruckten äußeren Ring hüpfte. Autsch.

Nachdem diese technischen (oder eher: intellektuellen) Probleme behoben waren, wurde ich allerdings mit einem erstaunlich guten Ambient/Drone-Crossover belohnt. Aufgepeppt mit einigen Fieldrecordings sickert aus dem (leider) einzigen auf dieser Split enthaltene Track, Ulrike Meinhof, eine ziemlich konkrete und düstere Amtmosphäre. Die meisten Annährungsversuche an abstraktere Sounds, die aus der Hardcore-/Punk-Ecke kommen, versuppen meistens belanglos, das hier aber nicht. Auch wenn Ulrike Meinhof mich seiner Kürze wegen etwas unbefriedigt ließ: Hat Potenzial. Sollte sich vielleicht mal mit Hive Mind zusammenschließen, der Mann. Auch Veuve S. S. halten sich kurz, was bei ihrem Gravity-Records-meets-Die-Kreuzen-Sound auch nur angemessen scheint. Kurz und schmerzhaft, angepisst und hibbelig – sehr empfehlenswert!

Überdies ist Nerdcore jetzt auch noch ins Tape-Business (sic!) eingestiegen. Ich habe ja bereits schon über meine Liebe zum Format schwadroniert  und vor Kurzem sogar mit Opal Tapes ein Label aufgetrieben, das ziemlich gute House- und Techno-Alben im MC-Format veröffentlicht. Kurzum: Tapes kommen wieder und ich freu mich tierisch. Und mein Hausmeister freut sich auch, wie er mir am Freitag erzählt hat. Kein Witz.

Deathrite CSIst ja klar: Die Dinger sind billig zu produzieren, sehen schick aus und fassen mehr Musik als eine LP. Obwohl das aktuelle Planks-Album Funeral Mouth, das ich ja bereits besprochen hatte, in der Nerdcore-Kassetten-Version dann doch ohne Boni auskommt. Das machte den Fans wohl nichts aus – ist natürlich restlos ausverkauft.

Noch erhältlich und mit etwas Speck angereichert ist dahingegen Fractures Of Nocturnal Rites von Deathrite, den Dresdner Düstercorelern, die ich trotz einem Dutzend Gelegenheiten bisher noch nie live gesehen habe. Ein Jammer, denn nicht nur hat mich ihre selbstbetitelte 12″ ziemlich angefixt, auch die Split-7″ mit Goldust, die vor einigen Monaten auf Cobra Records erschien, bewies, dass da noch einiges kommen wird. Schön, dass das jetzt in gebündelter und kostengünstiger Form vorliegt. Wer sich für metallisch angereicherten Hardcore interessiert, für den ist Deathrite so oder so Pflicht. Nehmen übrigens gerade ein neues Album auf. Yay!

Punch CSEinen wesentlich größeres, da internationalen Hype haben Punch erlebt. Das Powerviolence-Quintett aus Frisco hat es sogar geschafft, die Aufmerksamkeit des Converge-Fronpsychopathen Jacob Bannon auf sich zu ziehen und releast mittlerweile auf dessen Label Deathwish Inc. An Incomplete History versammelt alle Punch-Releases, die vor der Einstiegs-7″ auf dem US-amerikanischen Label erschienen sind, lediglich die Push Pull LP fehlt noch.

Es reicht trotzdem für summa summarum 31 Tracks. Wenn das mal nichts ist. An denen lässt sich die Entwicklung der Band tatsächlich sehr gut verfolgen. Klingen die ersten Aufnahmen musikalisch noch etwas mau und die Vocals von Sängerin Meghan (wegen der häufig zum Stempel “female fronted hardcore” gegriffen wird, na danke) sich in ihrer Brüchigkeit noch nicht wirklich gegen den rotzigen Hochgeschwindigkeitscore behaupten können, sieht das bei den neueren Aufnahmen schon anders aus. Er ist da, der Punch. Obwohl ich in der Ecke vielleicht andere Favoriten habe – mir die Incomplete History dieser Band zugelegt zu haben, war sicherlich kein Fehler. Zudem auch die überaus pointierten Lyrics beiliegen – bemerkenswert unklischeehaftes Gedankenfutter deluxe.

Ich bin kein Freund von Generalabsolutionen, aber das, was Maik (und seine MitstreiterInnen) da machen, hat meine volle Unterstützung. Weil mich die Musik fast jedes Mal überzeugt und weil ich einen Heidenrespekt vor der Arbeit habe, die in die Aufmachung der Platten und Tapes gebuttert wird. Schickes, personalisiertes Äußeres, limitierte Editionen – was andernorts noch als Verkaufsargument gereicht, wird hier aus Passion betrieben. Könnte und sollte es definitiv mehr von geben.

Und wie gesagt: Maik hat noch eine weitere Baustelle, Apocaplexy Records. Habe ich sträflich vernachlässigt. Aber keine Sorge: Da kommt schon noch was. Die neue Terra Tenebrosa nämlich. Werde ich mich wohl in Kürze zu auslassen, darf aber schon mal verraten: Tolles Ding. Teasert euch selbst:

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Shop ’til you drop:

Japanische Kampfhörspiele – Hardcore aus der ersten Welt LP

Sad Neutrino Bitches – Squaw LP

Meurthe & Veuve S. S. – Split 12″

Punch – An Incomplete History CS

Deathrite – Fractures Of Nocturnal Rites CS

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2 thoughts on “] konkrit ] ( V )

  1. Pingback: konkrit mix #1: Pep & Pop & Post | konkrit

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