konkrit / Musik

] konkrit ] ( III )

Niemals hat mehr Musik ihren Weg auf meine Festplatte gefunden als im vorangegangenem Jahr. Ich musste tatsächlich in eine weitere externe investieren, um der schieren Datenmasse gerecht zu werden. Ich habe schätzungsweise genug Musik zur Verfügung stehen, um mich damit – unabhängig von allen Streaming-Angeboten, YouTube und dergleichen – für den Rest meines Lebens zu bespaßen. Das reicht mir allerdings nicht.

Es reicht mir nicht deswegen nicht, weil ich noch unbedingt mehr brauche (obwohl ich ein fanatischer Sammler und Entdecker bin), sondern vor allem, weil MP3s, FLACs und WAVs einige meine Grundbedürfnisse als Rezipient von Musik nicht erfüllen. Ich kann sie nicht anfassen, ich kann sie nicht als multimediales (Gesamt-)Kunstwerk wahrnehmen und sie hinterlassen mich mit dem unwohlen Gefühl, ich würde wirklich nur passiv konsumieren.

Das ist anders bei Vinyl mit seinen riesigen Artworks und haptischen Qualitäten, mit all seinen Farbvarianten, Formatgrößen und anderen Eigenarten. Vinyl vermittelt mir das Gefühl teilzuhaben an der Musik: Ich muss damit pfleglich umgehen, ich muss selbst dafür sorgen, dass die Platte umgedreht wird und die Musik weiterläuft. Das ist nervig, involviert mich aber, baut eine Verbindung zwischen mir und der Musik beziehungsweise den Menschen dahinter auf – psychologisch betrachtet wohl ein Placebo-Effekt, aber ein extrem wirkungsvoller noch dazu. Niemals haben mehr Schallplatten ihren Weg in mein Regal gefunden als im vorangegangenem Jahr.

Das ist aber auch anders bei Tapes. Noch viel störender als bei Vinyl jedoch ist das ständige Umdrehen und Spulen – die Umständlichkeit des Formats machte mich schon als Kind halb wahnsinnig. Mittlerweile genieße ich sie aber geradezu und kultiviere sie sogar zunehmend: Im vorangegangenen Jahr habe ich mir endlich, nach gut 4 Jahren ohne Tapedeck einen Walkman gekauft. Die passenden Kassetten fanden sich schnell, meine vorher eher mickrige Sammlung hat sich seit Herbst fast verdreifacht.

Von einigen Hörbüchern und -spielen abgesehen besitze ich vor allem Tapes von diversen Punk- und Hardcorebands. Logisch, dass dort noch auf das Medium gesetzt wird: Einerseits wegen der Obsession mit dem Sammlerstück und haptischen Gegenstand als solchen, andererseits, weil die billig zu produzierenden Objekte sich eben gut mit dem dogmatischen DIY-Ethos der Szene vertragen. Und ich besitze einige Tapes aus den Gefilden, in denen Kassetten noch aktiv in den Prozess des Musizierens eingebunden werden: Noise, Drone, etc. – im Untergrund der experimentellen Musik hat das Format nach wie vor einen großen Stellenwert.

Ein Label wie Land Of Decay vereint viele dieser Aspekte: Kleinstauflagen von gut 100 Tapes pro Release holen die Nerds ab, die transparent gehaltene Finanzpolitik – ein Nullsummenspiel, die Einnahmen aus einer Veröffentlichung tragen gerade mal die nächste – garantiert ebenso für subkulturelle Integrität wie die Verweigerung gegenüber digitalen Veröffentlichungen.  Und da wäre ja nicht zuletzt die Acts, die die Locrian-Mitglieder Terence Hannum und André Foisey auf ihrem kleinen Label veröffentlichen: Verspulte, morbide Musik. Musik von Underdogs für Underdogs, dargebracht in einem Medium, das eine quasi-persönliche Verbindung zwischen KünstlerIn und RezipientIn herstellt.

The Subtraction - The One Who Infests ShipsSchon vor einer Weile hatte ich das Debüt des ominösen Kapustin Yar besprochen, das vor einiger Zeit auf Land of Decay erschien. Auch The One Who Infests Ships ist die erste Veröffentlichung eines neuen Projekts, die Mitglieder von The Subtraction dürften Hannum und Foisey aber bestens aus der Chicagoer Noise- und Experimentalszene bekannt sein: Jason Soliday und Omar Gonzales sind dort seit geraumer Zeit sehr umtriebig.

Als The Subtraction widmen sie sich knisternder Elektroakustik und benutzen dabei vor allem, na klar, Tapes und Loops. So tritt fröhliches Vogelgezwitscher neben sterile Drones und dumpfe, subtile Rhythmen. Der monotone Charakter der Musik macht sie wohl wiederum interessant für die Weiterverwendung: Vielleicht werden auch diese Klänge, die sich so massiv aus recyceltem beziehen, bald recycelt.

Darüber hinaus jedoch bietet The One Who Infests Ships zwar einen dichten Klang, aber wenig Höhepunkte und Spannungen, die aus der enthumanisierten Atmosphäre der drei Tracks des Albums einen fesselnden Sog bereiten würden. So ist das Debüt von Soliday und Gonzales zwar alles andere als ein Reinfall, so richtig überzeugen kann es jedoch trotzdem nicht.

T.O.M.B. & Blood Rhythms - Universal Holocaust, Feraliminal TremensÜber T.O.M.B. (Akronym für: Total Occultic Mechanical Blasphemy)  bin ich bereits vor einer ganzen Weile gestolpert, als ich ihr  Album UAG für das Ox rezensierte. Schon da stieß mir der hohle provokative Gestus der Band bitter auf. Feldaufnahmen aus verlassenen Irrenanstalten, mit dem Kontaktmikrofon über Leichen fahren – schön und gut, aber welche Relevanz hat das für die Musik an sich? Die Antwort bei UAG: So gut wie keine. Deswegen war ich skeptisch, als ich die von T.O.M.B. bestrittene A-Seite ihrer Split mit Blood Rhythms laufen ließ – der Titel, Universal Holocaust, kündigte ja noch mehr halbgare Geschmacklosigkeiten an.

Meine Erwartungshaltung wurde enttäuscht, was in diesem Kontext heißt: Ich wurde positiv überrascht. Insbesondere zwei Tracks stachen aus dem krachig-abstraktem Begräbnis-Drone/Doom des Kollektivs hervor: Zum einen ein knallharter instrumentaler Black Metal-Track, der nach einigen Minuten sonischen Dauerfeuers von den Noise-Salven überrannt wird, zum anderen eine fiebrige Improvisation, die Geräusche versammelt, deren Quellen nicht eindeutig zuzuordnen sind: Sind diese schmerzvoll aufheulenden Töne nun einem Synthesizer geschuldet? Gibt da wirklich eine Rassel den Takt vor? Sind das noch knarrende Wellen aus den Tiefen der Elektronik oder verstümmelte Schreie aus den Kehlen von echten Menschen? Mit Dead Choir Radio haben die Macher einen passenden Titel für das beklemmende Stück gefunden. Zwei unheimliche Highlights, die für die beiden anderen, eher mauen Noise-Tracks mehr als entschuldigen.

Die von Blood Rhythms (alias Arvo Zylo) bespielte B-Seite gab mir zuerst Rätsel auf: Ist das Leiern gewollt oder ist das Band an dieser Stelle einfach nur beschädigt, sind die Batterien am Ende oder spinnt gar mein sonst so verlässlicher Walkman? Ich bin mir ehrlich gesagt immer noch nicht hundertprozentig sicher, würde allerdings durchaus auf Ersteres tippen. Denn spätestens, wenn die hellen symphonischen Bläser (oder eben das, was wie verspulte Bläser klingt) sich aus dem Hintergrund des Mixes behäbig nach vorn bewegen und mehr Platz einnehmen, kommen Erinnerungen an William Basinskis Disintegration Loops auf. Nur, dass hier das Tape aus seinem scheinbar beschädigten Zustand doch noch die Rettung erfährt. Gerade diese schillernden, ausgesprochen schönen Momente stellen die Highlights des von Zylo kuratierten Projekts dar.

Dabei ist das doch eher dem Morbiden gewidmet: Zylo hat, so wird im Booklet erklärt, Aufnahmen collagiert, die von Christopher Turner, NV13 und Michael Esposito auf einem angeblich verwunschenem Friedhof in Illinois gesammelt wurden. Und auch mit dem Titel Feraliminal Tremens wird auf eine klangliche Waffe der Nazis (schon wieder!), den “feraliminal lycanthropizer” angespielt, deren Existenz nie bewiesen wurde. Der gewünschte Effekt dürfte sich ungefähr mit dem der binauralen Beats decken, von denen bereits die Rede war. Den titelgebenden Tremens löste der lange, in zwei Teile aufgesplittete Track bei mir jedoch nicht. Wohl besser so. Tatsächlich lässt mich, wie auch bei T.O.M.B., der ganze okkulte mumbo jumbo ziemlich kalt, wenn die Musik nur verhalten vor sich hinwabert. Dass dem Projekt mehr Potenzial inne ist, beweist allerdings der kongeniale Auftakt der Blood Rhythms-Seite.

Land Of Decay stellt nur ein – wenngleich sehr gutes Beispiel – für die Rückbesinnung auf die Kassette als Medium dar. Das nahezu intime Verhältnis zwischen den Labelbetreibern und ihren Acts, die aufwändig produzierten Artworks (der bildende Künstler Hannum legt auch hier selbst Hand an) und die zwar unabgegrenzte, aber dennoch von ästhetischen Ähnlichkeiten bestimmte musikalische Ausrichtung machen es zu einem herausragenden, eigensinnigem Label. Die nächsten Tapes sind bereits angekündigt worden und ich bin höchst gespannt, wie es weitergehen wird.

Nicht nur mit Land Of Decay, sondern auch mit der Kassettenkultur als solcher. Die wird 2013 wohl einen endgültigen Hype erfahren und ich arbeite kräftig daran mit: Demnächst erscheint eine Sammelrezension von mir bei bln.fm, die sich mit den neuesten Releases eines englischen Tape-Labels auseinandersetzt, zwei weitere Features – eines mit einem Produzenten, der seine letzten EPs als Tape veröffentlichen will, eines mit einem weiteren britischen Kassettenlabel – sind geplant. Aber nicht nur als Journalist/Blogger, sondern auch Fan werde ich dranbleiben: Anfang 2014 werde ich wohl behaupten können, dass niemals mehr Tapes ihren Weg in mein Regal gefunden haben als noch im vorangegangenem Jahr. Achja, und übrigens: Ein herzlichen Glückwunsch nachträglich zum 50. Geburtstag, liebe Musikkassette. 

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The Subtraction – The One Who Infests Ships (Land Of Decay)

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