konkrit / Musik

] konkrit ] ( II )

Es führen viele Wege zum Gipfel der spirituellen Ekstase, sagte Pinch sinngemäß in einem Interview mit The Wire, das ich am selben Tag las, an dem ich auch Lubomyr Melnyks atemberaubendes Konzert im Haus Ungarn sehen sollte. Der ukrainisch stämmige Pianist Melnyk zielt mit seiner continuous music auf quasi-transzendentale Zustände ab, wenn er durchschnittlich 13 Töne pro Sekunde (!) anschlägt. Seine bescheiden vorgetragenen Ausführungen zu seiner Musik und deren Konzept (und allein der Titel seines ersten Stücks, Meditation) erinnerten mich an zwei Zeilen der bekifften Doom-Metaller Om: Der Tracktitel Meditation is the practice of death und die eine Stelle, wo von einer “immanent trancendency”* die Rede ist. Der hippe Dubstep-Pionier, der mönchische Komponist und die speckhaarigen Stoner haben mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick den Anschein hat: Einerseits messen sie Musik eine spirituelle Potenz zu, andererseits scheinen sie eben diese vor allem durch eine möglichst eng gestrickte Klangdichte und meditative Repetition urbar zu machen.

The Slaves Ocean on OceanDamit rücken sie alle in die Nähe der Esoterik, vor allem der Drone-(/Doom-)Musik. Deren spirituell-religiösen Charakter nahm Tim Caspar Boehme als Aufhänger für seine Rezension zum wiederveröffentlichten Debütalbum des US-amerikanischen Duos The Slaves, die in der spex #342 erschien. Boehme sieht in Ocean On Ocean eine Art Vexierspiel von zwei Extremen: Wo auf dem einen Ende des Spektrums Justin K. Broadrick mit seinem shoegazigen Doom-Projekt Jesu einen “christlichen Überbau” verarbeitet, stehen auf der anderen Seite die kuttentragende Koketterie mit dem Satanismus, den Sunn O))) betreiben. The Slaves nun stünden irgendwo dazwischen, immer nah dran, in die eine Ecke abzurutschen. Da ist freilich was dran oder zumindest stimmt es, dass eine gewisse Ironie darin liegt, dass das entrückte Crooning von Birch Cooper auf dem Track I’m In Heaven etwas gepresst klingt. Und ja, The Slaves sind ähnlich in Wiederholungen vernarrt wie PinchMelnyk und Om

Andererseits aber: So recht mag die von Boehme aus der Blogosphäre gefischte Zuschreibung “liturgischer Shoegaze” nicht zünden. Einerseits, weil The Slaves nun wahrlich nicht von der Kanzel herab musizieren, andererseits, weil ihr Interesse eben vielleicht doch nicht spiritueller, sondern psychedelischer Natur ist. Um das festzustellen, könnte ein Blick auf die beiden bereits reichen – ob die wohl im selben thrift store wie Ariel Pink einkaufen? Müßig, die Hippie-Hipster-Utopie Portland, die Heimatstadt der beiden, mit ihrer Musik in Verbindung zu bringen, aber ein wenig entspinnt sich im Laufe der 53minütigen Platte doch das gewisse Portlandia-Gefühl. Plastischer Pop und entrückte Verklärtheit gehen bei The Slaves Hand in Hand wie in der liebevoll-parodistisch ausgerichteten Serie die Egozentrik ihrer Charaktere und ihren hehren Lebensentwürfen auf der anderen Seite. 

Spirituell ist das nicht unbedingt, höchstens esoterisch. Und das beileibe nicht im schlechtesten Sinne: Die sich überlappenden Vocals der beiden (neben Birch Cooper noch dabei: Barbara Kinzle, der das Glanzstück gelingt, gleichermaßen körperlos und wie markant zu klingen) geben den vollen, fuzzigen Orgel-(immerhin!), Gitarren- und Basswänden die Kontur zurück, die die auf ihrem Weg durch geschätzte 30 Effektpedale vollends verloren haben. Das mag sich stellenweise doch sehr verklärt und etwas kitschig anhören, schlägt seiner dezent gesetzten unheimlichen Untertöne wegen der Belanglosigkeit aber Mal um Mal ein Schnippchen. Hier jault die Gitarre doch etwas schräg über die mächtigen, warmen Bass-Riffs, dort scheint Kinzle die Tränen gerade noch so zurückhalten zu können. Auf den ersten Blick esoterischer, psychedelischer Wohlfühldrone, auf den zweiten jedoch ein wenig nervenaufreibend, wenn nicht sogar verstörend.

Ocean On Ocean (das übrigens bereits 2010 in einer Kleinstauflage erschien, nun aber auf Vinyl aufgelegt wurde) dümpelt nicht im Schwebezustand zwischen zwei spirituellen Extremen umher, sondern lebt von seiner Zwiespältigkeit und -lichtigkeit. Pop und Psychedelik, Plastizität und Entgrenzung und auch Pseudo-Spiritualität und Profanität sind bei The Slaves bis zur Unentscheidbarkeit miteinander verworren. Und so lassen sich in den sechs Songs mit jedem weiteren Durchlauf weitere neue Aspekte (ob nun Misstöne oder gänsehautfordernde Wohlklänge) heraushören. Kein Wild Ride, wie ein Titel ironisch (?) zu versprechen scheint, sicherlich nicht. Dafür aber ein Album, das mit Durchlauf um Durchlauf immer spannender und nachhaltig schöner wird. Boehme hatte mit zwei Aussagen jedoch absolut Recht: Als “Zeitlupenpop” kann das gut und gerne verschubladet werden. Und, achja, es sollte auch unbedingt gehört werden. 

9___Iroha_Shepherds&AngelsWo wir bereits bei Justin K. Broadrick und Jesu waren, die Boehme als christelnde Opposition zu Sunn O))) behauptet, ist Broadricks Freund und Kollaborateur Andy Swan mit seinem Projekt Iroha nicht weit und scheint Boehme trockenem Rundumschlag weiteres Öl ins Feuer zu gießen. Auf dem zweiten Album der Band, die nunmehr endgültig Diamuid Dalton (GODFLESH (!)) und Dominic Crane (The Boaty Man und andere) als feste Mitglieder verzeichnet, wimmelt es vor religiöser Motivik. Nicht nur der Titel Shepards & Angels deutet bereits an, welche Wege Swan beschreitet, das Coverartwork, Tracktitel sowie Lyrics mit biblischen Hintergrund (You Reap What You Sow, The Greatest Healer, Blind Faith) breiten die christliche Symbolik über das Gesamtkonzept der Platte aus. Schon auf Irohas ersten Album war Swan ein Hang zur Esoterik sicherlich nicht abzusprechen, allein die mantrahaft rezitierten, träumerischen Lyrics taten ihr Übriges. Mit sieben neuen Tracks scheint er sich auch daran zu machen, den eingangs angesprochenen Gipfel spiritueller beziehungsweise in diesem Fall religiöser Ekstaste zu erklettern.

Swans Obsession mit dem Christentum, seinen Lehren und Codes hätten bei mir wohl vorab für einen unguten Beigeschmack beim ersten Herantasten an Shepards & Angels gesorgt. Umso besser wohl, dass ich versäumte, mir das Album genau anzuschauen und mein erster Eindruck ein rein musikalischer war. Obwohl ich wahrlich nicht sagen kann, dass ich begeistert gewesen wäre. Denn obwohl alles da ist: Die simplen, aber eingängigen Melodien, die nicht minder ohrenschmeichlerischen Riffs, die von einem fetten Basssound getragen werden, die wohlkalkulierten Pausen zwischen den wellenbrecherischen Refrains – die Begeisterung, die Iroha noch zwei Jahre zuvor bei mir auslöste, stellte sich ganz und gar nicht ein. Abgesehen davon, dass ich vielleicht auch rückblickend anders über Swans Debüt denken würde, haben sich auf dem Zweitwerk des Birminghamers doch – wenngleich sehr dezente – Änderungen eingeschlichen, die mich nicht überzeugen können.

Die Gitarren sind verzerrter, rauher, rostiger und der Bass noch weiter in das Spotlight gerutscht. Einerseits herrscht also mehr Metal vor. Andererseits klingen die Drums so fake und plastikartig wie zuletzt bei englischen New Wave-Bands Anfang der 80er Jahre, schwurbeln noch mehr effektgesättigte Riffs durch den Hintergrund und gönnt sich Swan noch mehr Delay auf den Vocals, die sich stellenweise kanonartig überlappen. Das einschmeichelnde, flüsternde Crooning, das dem Gesamteindruck der Band im Live-Kontext wirklich nicht förderlich ist, trägt schlussendlich dazu bei, dass ich an dieser Stelle schon für den Begriff “liturgischer Shoegaze” plädieren würde. Selbst die Pyramids-Kollaboration, das das Album abschließende Denial zeigt sich trotz industrieller Untertöne von einer geradezu unangenehm versöhnlichen Seite.

Welcher Art Swans Auseinandersetzung mit christlicher Symbolik und Ideologie auch sein mögen (eine klare Distanzierung oder kritische Haltung wird zumindest nicht erkenntlich), allein durch die ständigen Wiederholungen einzelner Zeilen hat Shepherds & Angels (aller lebensweisen, unreligiösen Einschübe wie Home Is Where The Heart Is zum Trotz) den bitteren Anstrich missionarischen Eifers. Und das resultiert im genauen Gegenteil davon, wie ich auf die selbstverlorene Musik und individualistischen spirituellen Versuche von Melnyk und Om reagiere, nämlich mit Faszination. Iroha wirkt gegenüber denen fast bedrohlich, wenn nicht sogar etwas abstoßend. Daran hilft alle Eingängigkeit nichts.

Talvihorros_AndItWasSoDezidiert setzt sich auch Ben Chatwin alias Talvihorros mit religiösen, gewissermaßen auch christlichen Themen auseinander. Beziehungsweise übt sich an Blasphemie und wagt den Versuch einer Apotheose seiner Selbst.  And It Was So spielt bereits mit dem Titel auf die biblische Geschichte der Genesis an. Der Künstler als gottgleiche Schöpferfigur also. Tatsächlich nahm sich Chatwin sogar nur die biblischen sieben Tage Zeit, um das gesamte Album einzuspielen. 

Es sollte aber anders kommen und schließlich arbeitete der Brite ein ganzes Jahr an den – na klar – sieben Drone-Tracks und vollendete sein episches Werk nicht auf eigene Faust: Denovali-Labelmates Field Rotation und Petrels halfen ebenso aus wie Jordan Chatwin und Anais Lalange. Als gescheitertes Experiment lässt sich And It Was So jedoch definitiv nicht abtun. Waren die vorigen Alben des ehemaligen Inca Gold-Mitglieds noch von der Suche nach einem eigenen Sound geprägt, hat er mit diesem nun endlich Ordnung ins Chaos (so schlägt es der Promotext pointiert vor) gebracht.

Wie auch auf denen verschränkt Chatwin Gitarren-Drones mit bittersüßen Streichern und allerhand elektronischer Spielereien, spinnt mithilfe akustischer und digitaler Sounds ein dichtes Netz aus betörenden Klangflächen. And It Was So changiert zwischen leicht psychedelischem Ambient (höre In The Midst Of The Waters) und fordernder Theatralik (bestes Beispiel: der elfeinhalb Minuten lange Opener Let There Be Light), lädt dazu ein, sich in einem präzise ausgemessenen Sounddesign zu verlieren: Tiefer klang Talvihorros niemals zuvor. Dazu kommt ein ausgewogenes Songwriting, das Beinahe-Stille und intensive Spannungen perfekt in Szene setzt und so eine mit eine nahezu mystische Atmosphäre schafft. Ein grandioses Album, durch und durch. 

Was aber sollen wir nun mit diesem kleinen Meisterwerk hinsichtlich seines Entstehungskontextes anfangen? Nun, vielleicht sollten wir zuvor noch einen genaueren Blick drauf werfen: Weder erlaubt sich Chatwin die Unentscheidbarkeit, wie sie The Slaves kultivieren, noch die verklärte Esoterik, für die Iroha einstehen. Die Tracklist allein scheint bereits eine, nun ja, Evolution nahezulegen: Nach dem noch an die biblischen Worte angelehnten Titel des Openers tauchen auch Swarms Of Living SoulsCreeping Things und Great Sea Monsters auf. Ist das noch Moses oder schon Darwin?

Dazu tritt das Artwork im Inneren** des schmucken Digipaks (respektive des Vinyl-Sleeves), eine Aufnahme aus den tiefsten Tiefen des Weltraums. Ein rauschebärtiger Alter im Bademantel oder gar eine transzendentale Entität ist dort weit und breit nicht zu sehen. Das Bild verdeutlicht subtil, dass erst menschliche Bemühungen es möglich gemacht haben, überhaupt soweit – und sei es nur mittelbar – vorzudringen. Das steht in Analogie zum Album als solches, das als perfekte Parabel auf kreative Möglichkeit des Menschen dient. Kein Putsch gegen den HErrn, keine Glorifizierung desselben, sondern ein Produkt musikalischer gemeinschaftlicher Anstrengungen, die keines spirituellen oder gar religiösen Schnickschnacks bedürfen. Wie heißt es doch: Amen!

*Das hätte Derrida gefreut (oder auch nicht): Es heißt “The immanent transcended seen”, was ja eigentlich noch aussagekräftiger ist.

**An dieser Stelle übrigens ein großes Lob an Denovali beziehungsweise ihre Promo-Agentur Creative Eclipse, die sich stets bemühen, der Journaille fertige CDs anzubieten. Nicht falsch verstehen: Ich kann es bestens verstehen, wenn gerade kleinere Labels nicht die finanziellen Möglichkeiten haben und lieber digital or mit CDrs arbeiten. Mit einem fertigen Exemplar lässt sich trotzdem mehr anfangen.

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Shop ’til you drop:

The Slaves – Ocean On Ocean (The Helen Scarsdale Agency)

Iroha – Shepherds & Angels (Denovali)

Talvihorros – And It Was So (Denovali) 

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