Literatur

Levin Westermann – unbekannt verzogen

Rezension vom 14.01. in jungeWelt:

Die Möglichkeit von Intimität

Lyrikschau: Das aufgeräumt-pathetische Debüt des Levin Westermann

Von Kristoffer Cornils
Die Art und Weise, in der wir mittlerweile kommunizieren, läßt sich am besten aus dem Modus ablesen, in dem wir in den sozialen Netzwerken unser Innenleben nach außen kehren. Wir offenbaren uns in personalisierter oder anonymisierter Form; unsere Wahrnehmung, Gedanken und Gefühle könnten wir theoretisch zum Ausdruck bringen, ohne uns überhaupt als reale Person zu outen. Natürlich spiegelt sich das in der Sprache wider: Entweder gewinnen die aus der Anonymität heraus abgefeuerten Aussagen an Schärfe, oder aber sie werden, wenn wir uns als die offenbaren, die wir sind, aus Selbstschutz diffuser.
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»die genauigkeit der worte schwindet«, bringt Levin Westermann das letztere Phänomen in einem seiner Gedichte auf den Punkt und denkt dies weiter: »wir erfinden eine neue art von schweigen«. Es stehen sich gegenüber: die Möglichkeit von Intimität einerseits und eine rigide Form von Distanzierung andererseits.
Das sind die hellsichtigsten Verse in »unbekannt verzogen«, Westermanns Debütband. Zeilen, die es anzukreiden scheinen, daß wir Selbstaussagen nur noch um die Ecke tätigen und die Sachverhalte im selben Zug noch kaschieren. »wie schwer sind dir die lider, / wie anmutslos erscheint an diesem morgen dir/ das licht.« Kann heißen: Die Realität wird von uns als nicht mehr so spannend und sublim empfunden wie das, was sich draus machen läßt. Ist das als Kritik zu verstehen? Daran, daß wir lieber nur noch Vages von uns geben und das Wahrgenommene sprachlich verklären als hätten wir einen Fotofilter über die Dinge geschoben?
Wahrscheinlich nicht. Es sind aber immerhin Verse, die den Modus operandi der Westermannschen Lyrik direkt bezeichnen. Sie bilden jedoch die Ausnahme. Statt Tiefe und Reflexion regieren Suggestion, Anspielung, Verklärung in dem Band, der jetzt im Wiesbadener Verlag Luxbooks erschienen ist. Nicht ganz zufällig bedient sich die Metaphorik häufig aus dem Bereich des Olfaktorischen: Es »riecht nach putz / und all der zeit im teppich, / riecht nach seife, riecht nach kaffee/ und nach dreck«. Westermann bedient sich einer Poetik des Flüchtigen und streut nur hier und dort Realitätseffekte ein, die schwammig mit Bedeutung aufgeladen werden: »an die nase dringt ein hauch von unbekannt verzogen«. Aufgeräumte Gedichte, die sich ein aalglattes Pathos leisten.
»unbekannt verzogen« liest sich, als würde man sich durch einen Instagram-Feed klicken. Westermanns Lyrik nimmt sich zwar aus subjektiver Perspektive geschossene Momentaufnahmen zum Ausgangspunkt, hübscht diese aber auf und verklärt sie. Seine Gedichte sind angenehm und wohlig, können ihrer Schwammigkeit wegen zur Projektionsfläche gereichen, eröffnen vermittels ihrer Vagheit vielerlei Identifikationsmöglichkeiten. Sie verflüchtigen sich aber auch rapide. In einem Buch gebündelt offenbart sich, was für eine monotone, unergiebige Angelegenheit es ist, im poetischen Schreiben die Genauigkeit der Worte schwinden zu lassen.

Levin Westermann: unbekannt verzogen. Luxbooks, Wiesbaden 2012, 113 Seiten, 22 Euro
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