Musik

] konkrit ] ( I )

Im vorangegangenen Jahr war ich häufiger denn je zuvor in der Berliner Feierlandschaft anzutreffen und trotzdem tritt mein Tanzbein immer noch mit dem Kriegsfuß auf, geht es um zeitgenössische Clubmusik. Techno bietet mir zwar einerseits Aggressivität und Härte, kommt meinem Verlangen nach komplexeren Rhythmen jedoch nicht entgegen. Für House hingegen bin ich auf rein musikalischer Ebene empfänglicher, andererseits jedoch viel zu grumpy, um ernsthaft länger als zwei Stunden abzuhibbeln. Der ausgewogene Mix aus Komplexität und Groove, konzeptuell oder zumindest phänemenologisch interessanter und trotzdem halt irgendwie total fett abgehender Musik, findet sich selbstverständlich – und natürlich gibt es mittlerweile für jedweden Zeitgeist auch die richtige Anlaufstelle in Form eines Labels.

delay_kuopioDa wäre zum Beispiel raster-noton. Das Traditionslabel aus Chemnitz scheint sein stark konzeptuell, vor allem aber audiovisuell dominiertes Trademark zunehmend dezenter zu verpacken. Grischa Lichtenbergers bemerkenswertes Debütalbum vereinte verschachtelte Beatstrukturen mit treibenderm Groove. Unterkühlt und trotzdem sexy. Nach einer sehr soliden 12″, die im Sommer letzten Jahres erschien, scheint Vladislav Delay (alias Sasu Ripatti) genau dort anzuknüpfen und präsentiert mit Kuopio ein zu gleichen Teilen vertracktes wie mitreißendes Album.

Nach einem eher von enttäuschendem Eskapismus denn von elektrifizierender Ekstase geprägten Auftritt mit dem Moritz von Oswald Trio auf dem Swingfest im Herbst schlug mir Kuopio schon beim ersten Hören die Kinnlade herunter. Denn die neun Tracks klangen alles andere als schluffig und selbstvergessen, sondern verdrehten mir mit ihren synkopierten und ineinandergeschachtelten Beats und übereinandergeschichteten Rhythmen Hirn und Hüfte gleichermaßen. Was bei Ripatti elektronischen, was akustischen Ursprung hat, ist nicht leicht auszumachen. Auch beim Moritz von Oswald Trio bedient er eigentlich Percussions, manipuliert diese aber live, versieht sie mit Delay (nomen est omen, na klar) und Echos und kreiert somit aus eigentlich perkussiven Sounds ein dichtes Netz aus Klängen. Kuopio klingt düster, kalt, wenn nicht gar ein wenig deprimierend, rattert aber kontinuierlich voran und fordert seinem Ambient-Charakter zum Trotz massiv Aufmerksamkeit ein.

Die Landschaft Finnlands soll das Album, dessen Titel auf die gleichnamige Stadt referiert, einfangen. Ohne jemals in Finnland gewesen zu sein: Klingt schlüssig, so muss ein Roadtrip durch die vereisten Gefilde sein – der Titel des sechsten Tracks, Kulkee, lässt sich tatsächlich mit sich vorwärts bewegen übersetzen. Aber nicht nur mit solchen außermusikalischen Codes schlägt Ripatti doch noch die Brücke zum audiovisuellen Anspruch seines Labels. Transit und Retardation liegen in seiner Musik so dicht beieinander, dass die Sounds reichlich Futter für die Vorstellungskraft abliefern. Die Betonungen der Beats sind meist – auch wenn sie durch keine Breaks gestört werden – verschleppt, zeichnen eine kontinuierliche Bewegung mit stop-and-go-Charakter. Dazu treten die verschwurbelten Chords, die tatsächlich (und da deckt sich Sprachgebrauch wirklich mit Effekt) frostig einerseits, flächig andererseits klingen. Kuopio zeugt vom absolut gelungenen Versuch, Bildlichkeit dezent in Musik zu transferieren.

So großartig dieses Album – das definitiv in meiner Top-sonstwas von 2012 landete – ist, die Einladung zum Tanzen übrigens bleibt lediglich angedeutet: Vladislav Delays Gig im Berghain im Dezember war wiederum eine etwas enttäuschende Angelegenheit. Ein kleiner Dämpfer nur, denn extended armchair travelling ist mit Kuopio allemal drin.

kangding_pentakiWo wir bereits bei der Verschränkung von Umwelt und Techno sind, darf auch die neue 12″ von Kangding Ray nicht fehlen, die vor Kurzem ebenfalls auf raster-noton erschien. Auf The Pentaki Slopes widmet sich der Franzose David Letellier dem titelgebenden Berg, der sich… Ja, wo eigentlich befindet? Nicht in dieser Welt, wie eine oberflächliche und absolut erfolglose Internetrecherche ergab. Die Mythen und Legenden, die sich laut Promotext der Platte um den Pentaki ranken, sind ergo wohl auch nichts weiter als Schall und Rauch.

Vor allem aber Schall, na klar. Das Drumherum wäre Letellier leicht als post-modernes Treppenwitzchen anzukreiden, markiert aber offensichtlich eine ähnliche Absicht wie die Ripattis: Visuelle Eindrücke in Musik zu transportieren. Nur, dass hier eben die frei erfunden sind und all der folkloristische mumbo jumbo um diesen erfunden Ort gleich mit aus der Musik aufsteigen soll. Und anders als sein finnischer Labelmate will der Franzose nicht den Charakter von Landschaft einfangen, sondern versucht sich an einer Beschreibung von Topographie und, aber da fängt wohl bereits mein Assoziationsvermögen an zu kurbeln, Witterung.

In Anlehnung an die klar strukturierten örtlichen Gegebenheiten, die qua Tracktitel vorgegeben werden – ein Abhang im North, ein Plateau in der Mitte, ein Abhang im South ist auch die Musik Letelliers stringenter, simpler und zeilgerichteter als die Ripattis. Statt sich, wie zuletzt, mit diversen Spielarten der elektronischen (Bass-)Musik à la UK auseinanderzusetzen (was nicht unbedingt in die Hose ging, aber zweifellos Letelliers Schwächen an den Tag kehrte), setzt der Franzose eben auf Techno, steril und straight. Nicht aber unbedingt minimalistisch, sondern sehr verspielt, mit viel Tiefe versehen und in sich rhythmisch abwechslungsreich. Und tragen wiederum ihren Teil zum suggestiven Charakter der Musik bei.

So klingen dann die technoiden Arpeggi in North tatsächlich, als würde Feinschnee über einen nackten Abhang wirbeln, und die dezent eingesetzten Echo-Effekte von South lassen eine ungeahnte Weite hinter dem Südrücken des Pentaki erahnen. Aber halt, stopp: Schuster ich mir hier nicht gerade Bullshit zusammen, getriggert allein vom ironisch hingerotzten Promotext? Vielleicht. Vielleicht aber gibt mir das Mittelstück (naja – Vinyl, also: zweites Stück vorm Umdrehen) einen Hinweis darauf, dass gerade in diesem Zweifel der Knackpunkt liegt. Der trippige Downbeat-Track, der tatsächlich wie eine Verschnaufpause zwischen Auf- und Abstieg des Berges anmutet, nennt sich selbstbewusst Plateau (A Single Source Of Truth), mittels runtergepitchter, kaum verständlicher Vocal-Samples wird der Titel mantrahaft in Szene gesetzt. War der Promotext noch eine glatte Lüge und all meine Assoziationen zu Letelliers Tracks bis hierhin noch rein daran angelehnt, versichert mir die Musik jetzt, dass sie selbst der Ursprung der Wahrheit sei, der Wahrheit über sich selbst vielleicht: Dass sie nämlich alles andere als wahr oder gar rational aufzulösen ist. Was ein post-strukturalistischer Move, David.

The Pentaki Slopes kann demgemäß auch einfach als musikalisches Werk für sich stehen, als 12″, die einen irre dichten Sound mit mitreißenden Rhythmen und einer unterkühlten Atmosphäre verbindet. Es ist wahrlich nicht Letelliers beste Arbeit und kann sich im Bereich des aufwändig orchestrierten Technos sicherlich nicht unbedingt behaupten (Ausnahme: South, ein absoluter Killertrack), vereint aber erneut Musik und Visualität und, daran anschließend, Reflexionen über eben das, was Kunst kann. Das ist eben genau das, wofür auch sein Label raster-noton seit jeher steht.

Und auch, wenn es nicht immer Erfolg verspricht, sich an bestimmte Labels zu halten, so kann es ab und zu ratsam sein. In einer Zeit, in der sogar dazu aufgerufen wird, statt Genrezuschreibungen doch einfach die Namen von Plattenlabels als Tags zu setzen, eine gediegene Praktik, die trotzdem noch für Überraschungen gut sein kann, wie Hyperdub Mal um Mal beweist.

burial_truantDer Erfolg des Bristoler Labels hängt nicht nur an seinem Zugpferd, dem solipsistischen Produzenten Burial, sein Erfolg aber hat maßgeblich zur Verbreitung des Phänomens Dubstep und damit auch dem Siegeszug des von Kode9 alias Steve Goodman geführten Labels beigetragen. Seit seinem selbstbetitelten Debüt im Jahr 2006 hat William Bevan so gut wie alles richtig gemacht: Es folgte ein weiteres fantastisches Album, eine absolut zeitlose Kollaboration mit Four Tet und mit Street Halo, Kindred und einer Neubearbeitung von Massive Attack-Material drei geniale 12″s, die für die eher mageren Features mit Four Tet und Thom Yorke ebenso entschädigten wie für die knapp sechsminütigen Lahm-House-Schlappe Nova, die Bevan ebenfalls mit Keiran Hebden alias Four Tet verbrach. Auch in anderer Hinsicht zeigt sich das Phänomen als stringentes: Bevan hält sich immer noch raus, konsequent, aus allem. Kaum Fotos, keine Interviews, wenige Informationen, von denen die meisten zweifelhaft sind – selbst sein Name. Das bringt Verschwörungstheorien auf den Plan, am prominentesten vertreten durch den grenzdebilen, wunderbaren Blog Burial is Four Tet.

Ob das Verhalten Bevans nun als reiner Solipsismus oder clevere Marketingstrategie zu interpretieren ist, die mit Acts wie Holy Other ihre Trittbretfahrer gefunden hat, sei dahin gestellt. Wichtig ist: Wer sich Burial nähern will, kann das nur vermittels seiner Musik. Bezeichnend, dass diese fortlaufend selbstreflektiver und brüchiger wird. Mit der Truant / Rough Sleeper 12″, die Ende 2012 ohne große Vorankündigungen und Promotionaktionen (und also, wie zuletzt der Fall Godspeed You! Black Emperor bewies, mit der bestmöglichen Promotion) auf den Markt gebracht wurde, spitzt sich eine Entwicklung zu, die sich bereits auf der Kindred 12″ abzeichnete: Vermehrt greift Burial auf bereits von ihm benutzte Samples und sogar ganze Beatstrukturen zurück, immer wieder brechen die eigentlich als einheitliche Tracks gelabelten Stücke ab, Stille regiert für wenige Momente, das nächste Movement nimmt seinen Lauf.

So wirkt Truant / Rough Sleeper wie ein komprimierter Sampler, ein Kompendium von Snippets, das Versprechen auf ein neues Album. Oder: Würde so wirken, wenn da nicht immer diese Flashbacks wären. Einzelne Vocal-Schnipsel aus allen Schaffensphasen Burials flimmern über die in gewohnte LoFi-Qualität gekleidete Beats, und selbst die lassen des Öfteren Erinnerungen an frühere Tracks aufkommen. Wie, um das noch ironisch zu bestätigen, sind die beiden rund insgesamt 25 Minuten langen Stücke mit mehr synthetischem Vinylknistern denn je angereichert, die Chords noch verspulter, ganz als würde Bevan es auf das hauntology-Prädikat anlegen wollen.

Schiere selbstreflexive Reproduktion – oder etwa eine Art Abschied, ein schlieriger Abschiedsgruß? Wer weiß, vielleicht markiert Truant / Rough Sleeper hiermit eindrucksvoll in einer Art Coda den Schlußpunkt des Projekts und der Vision Burial. Vielleicht aber geht es doch weiter: Mit fetteren Bässen und straighteren Rhythmen, die sich in den skizzenhaften Movements immer forscher die Bahn brechen und gar melodischeren Motiven, wie sie vermehrt auf der B-Seite auftreten. Das erinnert – VerschwörungstheoretikerInnen, spitzt die Ohren – an Four Tets letzte Bemühungen, wenngleich dem schlaffen House-Sound der letzten Kollaboration dankbarerweise keinen Platz eingeräumt wird. Sollte demnächst die Debüt-12″ eines unbekannten Produzenten bei Hyperdub magische Atmosphären mit geraden Beats verschmelzen, könnte das eventuell die Reinkarnation Burials sein. Bleibt abzuwarten, ob Bevan gerade sein Oeuvre den Disintegration Loops ähnlich ausfaden lässt oder sich doch auf einen neuen Schaffensabschnitt vorbereitet. So oder so markiert Truant / Rough Sleeper eine Schwelle.

LP02.QXDNicht nur Bevan nimmt sein empirisches Ich dezidiert aus den bei ihm höchst subjektiv aufgeladenen Tracks völlig heraus, auch bei Laurel Halo handelt es sich um ein Konstrukt, eine Kunstfigur, die mit explizit künstlicher Musik inszeniert wird. Auf ihrem – in meinen Augen wenig überzeugenden – Debütalbum hat Ina Cube (um sie mal bei ihrem Klarnamen zu nennen) verschwommene Synthies und ihren eh schon neben der Spur laufenden Gesang merklich voneinander getrennt. Auf ihrer neuen 12″, die wie die LP auf Hyperdub erscheint, sieht der Fall etwas anders aus. Die Programmatik wird bereits im Titel codiert: Laurel Halo (der Schein, der Schein!) schüttet etwas Sunlight On The Faded.

Bezeichnend, dass der Track wesentlich mehr auf deutlich konturierte Beats setzt als Quarantaine. Zwar gleitet Cubes nasaler Gesang noch ziemlich entrückt über den hektisch ratternden Snares und dumpf dröhnenden Kicks und scheinen die Lyrics You only think that you matter und Only the best memories stay wieder die mittlerweile durchgekauten Diskurse von Subjektkrise und Erinnerungskultur aufzunehmen, die Musik aber scheint auch hier das Gegenprogramm bereits in sich zu tragen. Allein der Refrain – nomen est auch hier sebstverständlich omen – wirft unverschämt catchy und glasklar vom anderen Ende der Dialektik her sein Licht dorthin, wo vorher nur spektrales, splatteriges Chaos war. Gerade dieser innere Widerspruch macht aus Sunlight On The Faded eine faszinierende Angelegenheit. Die Dub-Version der B-Seite, die sich lediglich einige semantisch leere Vocal-Samples leiht, fällt dagegen eher mau aus. Überragend ist Laurel Halo wohl am ehesten dann, wenn sie mit sich selbst im Unreinen ist.

dva_flyUm nach all den essayistischen Ausführungen das Ganze etwas aufzulockern, werfen wir mal einen Blick auf einen wahren Banger aus dem Hause Hyperdub: So etwas wie eine interne Widersprüchlichkeit, die Sunlight On The Faded so herausstechen lässt, bekam DVAs Debütalbum Pretty Ugly (der Titel bereits ein Wink mit dem Zaunpfahl) nicht wirklich gut. Statt sich weiterhin an einer Synthese aus Groove und Experiment, klaren Melodien und verschrobenen Spielereien zu versuchen, trennt Leon Smart (der auch als Scratcha DVA unterwegs ist und noch bis Februar 2012 seine eigene Show beim stilprägenden UK-Radiosender Rinse.fm leitete) auf Fly Juice seine Leidenschaft für knallige Beats und verspulte Sounds allein schon vom Format her: Vier Tracks, darunter der mit Jazz-, Grime- und Jungle-Elementen versetzte Titeltrack und der reduzierte B-Seiten-Überhit Walk It Out, der sich definitiv einen Platz in meiner Jahresbestenliste sichern konnte, werden auf Vinyl releast, als Bonus gibt es vier Remixe von Fly Juice digital obendrauf.

Die sind dann weniger acidgetränkt und bassmächtig als die drei Beigabentracks, sondern konzentrieren sich eher an den Soundqualitäten von Fly Juice. Die Dub-Version hält sich dabei noch zurück und zieht manchmal die Synthies in psychedelische Höhen hoch und macht mit Echo-Effekten Hintertüren auf, was French Fries dann wiederum ausbaut und mit fetter Bassline und lässigem Toasting garniert. Die Shook-Version des Tracks strippt den eigentlich Beat runter und fügt etwas nostalgischen Rave einerseits, fetten Bass andererseits hinzu – wenig überzeugend und vielleicht eher als DJ-Tool geeignet. Den Höhepunkt bestreitet mit Inga Copeland eine alte Bekannte aus dem Hyperdub-Roster. Sie steuert nicht nur ihre markanten, rostigen LoFi-Vocals bei, sondern verleiht dem Original sowohl psychedelische Qualitäten als auch einen brechenden Dubstep-Sound. Absolut gelungen und eine wunderbare Ergänzung zu den fetten Tracks des eigentlichen Releases.

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Shop ’til you drop:

Vladislav Delay – Kuopio (Raster-Noton)

Kangding Ray – The Pentaki Slopes 12″ (Raster-Noton)

Burial – Truant / Rough Sleeper 12″ (Hyperdub)

Laurel Halo – Sunlight On The Faded 12″ (Hyperdub)

DVA – Fly Juice 12″ + Digital (Hyperdub)

2 thoughts on “] konkrit ] ( I )

  1. Pingback: konkrittles #7 – Q&A | konkrit

  2. Pingback: HHV.de Mag: Vladislav Delay – Visa | konkrit

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