Musik

Randnummern, Underdogs & Grenzgänger (V)

Da ich meine Mitarbeit beim TITEL-Kulturmagazin mittlerweile aufgegeben habe, werden die weiteren Teile meiner dort gestarteten Kolumne ab nun an exklusiv auf meinem Blog veröffentlicht. Der wird übrigens, so zumindest der Plan, in den nächsten Wochen/Monaten gehörig überarbeit.

Klaviere, kaskadenweise Schönheit und psychoaktive Sounds

Klaviere, Tasteninstrumente! Heißt Contenance. Aber auch: Rhythmik, sogar Beats! Und zum Abschluss hysterische Synthies. Hauptsache interessant! Findet KRISTOFFER CORNILS – und befasst sich im fünften Teil seiner Betrachtungen von Randnummern, Underdogs und Grenzgängern mit Klängen kurz vor der absoluten Stille und bizarren 8-Bit-Gemälden.

8___gilded„Der Nebel steigt, es fällt das Laub / Schenk ein den Wein, den holden! / Wir wollen uns den grauen Tag / Vergolden, ja vergolden!“ dichtete bereits Theodor Storm angesichts des dräuenden Oktobers. Zumindest dem Namen nach haben Gilded bereits das eine oder andere Glas geleert. Aber welcher Kern steckt unter der vergoldeten Schale? Kurz gesagt: Ein angenehmer. Das australische Duo, bestehend aus Matt Rösner und  Adam Trainer,  gehen die Dinge ruhig und herbstmelancholisch an: Sie setzen auf dezent instrumentierten und rhythmisch in Bewegung gesetzten Ambient. Contenance und Zurückhaltung regieren, sanfte Banjoklänge singen von Sehnsucht und Introspektion. Mal völlig reduziert, mal hypnotisch-redundant, mal disharmonisch eingefärbt oder gar aufgewühlt knisternd gleiten die neun Tracks leichtfüßig dahin. Terrane besitzt noch genug Drive, um das Interesse zu fesseln und andererseits reichlich Atmosphäre und klangliche Tiefe, um sich darin zu verlieren. Passt garantiert bestens zu einem rauchigen Rotwein und kann selbst ungemütliche Wintermonate noch mit einer satt glänzenden Schicht Gold überziehen.

 

8___PoppyAckroyd_EscapementDer Brückenschlag zwischen sanften Klängen und einnehmenden Rhythmen gelingt Poppy Ackroyd ebenso gut. Die Schottin ist schon ein kleines Phänomen. Zelebriert sie mit ihrer Band Hidden Orchestra jazzige Electronica, stiehlt sie selbst den beiden Ausnahmedrummern des Kollektivs die Show. Und das allein deshalb, weil sie breiter grinst als sonst irgendjemand in Reich- und Hörweite. Die ausgebildete Violinistin und Pianistin verkörpert aber auch jenseits der Bühne Spielfreude in Reinkultur, wie ihr Debütalbum Escapement beweist. Einerseits sind die – sich auf eine Spiellänge von leider nur einer halben Stunde erstreckenden – sieben Kompositionen bis ins letzte Detail ausgefeilt und dicht produziert. Eine gewisse Neugier, die Lust am Entdecken der Instrumente und musikalischen Möglichkeiten sind ihnen andererseits zu jeder Sekunde anzuhören.

Da Musik dieser Art – mit leichten Pianomelodien, gezupften Streichern und zurückhaltenden Perkussivelementen – sich gerne mal das sinnfreie Label »Neo-Klassik« gefallen lassen muss, abschließend noch ein Lanzenbruch: Von dem kitschverkleisterten Überpathos eines Peter Broderick oder dem biedermeierischen Wohlfühlambiente, wie es Ólafur Arnalds auf seinen neueren Werken strickt ist Ackroyd meilenweit entfernt. Denn weder verliert sie sich in erdrückender Larmoyanz noch versucht sie krampfhaft, bei ihrem Publikum die richtigen Knöpfe zu drücken. Das Resultat ist ein herrlich unaufdringliches und trotzdem eigensinniges Album, das Ackroyds versonnenes Grinsen nicht nur transportiert, sondern auch zu einer ansteckenden Sache werden lässt.

8___the swifterÄhnlich wie bei Gilded und Ackroyd spielt auch bei The Swifter das Klavier eine zentrale Rolle. Ganz so formstreng wie jene ist das Trio auf seinem selbstbetitelten Debütalbum jedoch nicht unterwegs, ganz im Gegenteil. Kein Wunder angesichts der Akteure: Der schwedische Elektroniker BJ Nilsen steht seit jeher eher für freie Formen ein (das kann auch mal schiefgehen), Perkussionist Andrea Belfi transformiert schon mal ganze Häuser in Musikinstrumente und Simon James Philips, dessen Piano auf The Swifter eine so zentrale Rolle spielt, hat seinen klassischen Background schon lange gegen die Identität eines Improvisationskünstlers eingetauscht. Ungewohnt ist höchstens, wie verhalten sie dann doch klingen. Hauchzart, kurz vor der absoluten Stille bewegen sich die vier verjammten Tracks. Keine Verlegenheit, sondern musikalischer Feinsinn: The Swifter geben sich bedächtig und erweisen sich als perfekt fluktuierendes Kollektiv, in dem Egomanie genauso wenig Platz eingeräumt wird wie unmotiviertem Krach. Leise und sanft lässt Nilsen die Elektronik knistern, mit viel Gefühl akzentuiert Belfi die krautigen Rhythmen. Und über allem windet sich Philips‘ Klavierspiel in nie enden wollenden (sollten sie auch nicht!) Kaskaden der Schönheit. Drei Ausnahmemusiker in vollendeter Symbiose, verträumt, entrückt und doch mit dem Blick aufs große Ganze. Wie ein verschwommener Tagtraum. Ein wunderbares Album, bezaubernd von der ersten Sekunde bis zur letzten.

 

8___piano interruptedEtwas weniger Dezenz als ihre Vorgänger legt das Duo Piano Interrupted an den Tag. Der Name deutet es bereits richtig an: Das Klavier spielt auf Two By Four, dem Debütalbum der Band, eine wichtige Rolle – und zwar eher die eines Rhythmusinstruments. Das kommt eben beim Schulterschluss zweier Welten herum, passiert wohl zwangsläufig, wenn ein an Klassik und Minimal Music geschulter Musiker wie Tom Hodge auf den Franzosen Franz Kirmann stößt, der sich in der Welt von Pop und Techno zuhause fühlt. Aus dem ursprünglichen Gedanken, für kommerzielle Zwecke Klassik mit Techno clashen zu lassen, wurde nichts, das gemeinsame Projekt entwickelte sich in eine andere Richtung. Nach einigen EPs nun liegt mit Two By Four (auch der Titel ein sprechender: E- und U-Musik treffen hier aufeinander und werden mithilfe zweier Gastmusiker miteinander verflochten und per Live-Manipulation in Bewegung versetzt) ein rundes Endergebnis vor, das neben einprägsamen Rhythmen und schmeichelhaften Streicher- und Klaviermelodien auch orientalische Elemente verarbeitet. Piano Interrupted ersticken ihre Hörerschaft zwar nicht mit Wohlwollen, etwas mehr Angriffslust hätte den sorgsam arrangierten Stücken aber sicherlich nicht geschadet.

8___troyer blaschkeUlrich Troyer Meets Georg Blaschke und das Endresultat sind Somatic Sounds. Moment, körperliche Klänge? Handelt es sich dabei etwa um die vielbeschworenen binauralen Beats? Die werden seit geraumer Zeit im Internet unter dem Titel »digitale Drogen« vertickt. Aber nein, mit der akustischen Täuschung, die das Gehirn in Dämmerzustände versetzt (und, wie von einigen Seiten steif und fest behauptet wird, de facto psychoaktive Effekte auslöst) hat das gemeinschaftliche Projekt der beiden nichts zu tun. Der Körper, von dem im Titel die Rede ist, gehört tatsächlich Georg Blaschke, Choreograph und Performance-Künstler – ihm sind die von  Ulrich Troyer komponierten Stücke buchstäblich auf den Leib geschneidert. Der Klangsprache Troyers bezieht sich zu gleichen Teil aus den tanzbaren Rhythmen der elektronischen Musik wie aus den tiefenwirksamen Sounds des Dubs und den sonischen Verzierungen der elektroakustischen Musik.

Im Downtempo schleppen sich die Stücke dahin, versumpfen mal beatlos wie auf Ensemble in Gefahr, mal fordern sie wie im Falle von Somatic Script mit aggressiven Drones Aufmerksamkeit ein. Je entschleunigter, desto wirkungsvoller, heißt die Devise. Es wissen deshalb am ehesten diejenigen Tracks zu überzeugen, die sich einen langen Atem gönnen. Der zwölfeinhalb Minuten lange Song for Heide (Extended Version), der sich gen Ende hin zu einem treibenden Rhythmus steigert, verdeutlicht das am ehesten. Gerade in solchen Momenten, wenn sich Troyers Musik subtil ins Unbewusste reinschmuggelt, stellt sich tatsächlich auch etwas wie eine körperliche Wirkung ein, verbreitet sich ein unwohles Gefühl in den Synapsen. Als würden sie die Skepsis gegenüber ihrer eigenen Wirkungsmacht erst triggern: Werden wir hier gerade etwa manipuliert? Wie wohl Blaschkes Bewegungen dazu aussehen?

8___raglaniNicht minder psychoaktiv kann das Hörerlebnis ausfallen, lässt man sich auf Joseph Raglanis neuestes Album Real Colors Of The Physical World ein. Eine surreale, vielschichtige Synthesizerwelt spinnt der US-Amerikaner. Als hätte jemand die absurdesten Momente eines Hieronymus Bosch auf 8-Bit-Ästhetik getrimmt und mit der Pixelkanone durchs tumblr-Universum direkt auf die Milchstraße geballert klingen die ersten beiden massiven Tracks. Auf je über zwanzig Minuten verstricken sich Drones, Arpeggi, verfremdete Vocals und gehörig Krach zu einer faszinierenden Collage von irre-bizarren Sounds. Häufig erinnern Raglanis kosmische Klänge an das Werk von musikalischen Verwandten wie Bee Mask oder Keith Fullerton Whitman. Dennoch wäre es schlicht unmöglich, ihm eine eigene Stimme abzusprechen. Dafür sorgen allein die beiden weiteren Tracks, die der LP in 7“-Form beiliegen. Auf diesen erkundet Raglani in komprimierter Form sein Ohr für kunterbunten, idiosynkratischen Synthie-Pop mit ganz eigener Note. Unverschämt catchy, ohrwurmtriggernd und absolut hysterisch! Zwei absolute Killer-Songs, die ihre verkopfteren großen Geschwister perfekt ergänzen. Der spätestens seit 2012 immer größere Kreise ziehende Hype um die US-amerikanische Synthie-Szene (in Europa bestens kanalisiert durch das Label Spectrum Spools,  auf dessen Mutterschiff Editions Mego Real Colors Of The Physical World erscheint)kann spätestens seit diesem Album nicht mehr ohne Raglani gedacht werden.

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Shop ’til you drop:

Gilded: Terrane (Hidden Shoal)

Poppy Ackroyd: Escapement (Denovali / Cargo)

The Swifter: The Swifter (The Wormhole)

Ulrich Troyer Meets Georg Blaschke: Somatic Sounds (4Bit Productions)

Raglani: Real Colors Of The Physical World (Editions Mego)

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One thought on “Randnummern, Underdogs & Grenzgänger (V)

  1. Pingback: ] konkrit ] ( III ) | konkrit

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