Literatur

Andre Rudolph – confessional poetry & Norbert Lange – Das Schiefe, das Harte und das Gemalene

Rezension vom 13.09.2012 in die jungeWelt:

Schiefe Konfession

Lyrikschau im Doppelschlag: Neues von Norbert Lange und Andre Rudolph

Von Kristoffer Cornils
Eine große Schnittmenge scheint es zwischen Norbert Lange und Andre Rudolph nicht zu geben. Beide sind in Polen geboren, schreiben auf Deutsch und veröffentlichten im selben Verlag. Da hören die Gemeinsamkeiten aber auch auf. Immerhin wird der eine eher als experimenteller Lyriker rezipiert, der andere ließ in den verklärt-rätselhaften Versen seines Debüts Schmetterlinge und andere Märchenfiguren auftreten. Allen stilistischen Unterschieden zum Trotz schält sich bei der Lektüre von Langes »Das Schiefe, das Harte und das Gemalene« und Rudolphs »confessional poetry« jedoch ein gemeinsamer Nenner heraus: Beide befassen sich mit dem Ich im Gedicht.
Rudolph widmet sich in seinem zweiten Band den Idiosynkrasien des Alltags. Bierdurchtränkter Thekentalk, ein Fußballspiel und die Parkbankkonversation mit einer heroinsüchtigen Prostituierten liefern den Stoff, aus dem sich die Gedichte speisen. Weit entfernt vom Gestus eines rauhbeinigen Underground-Poeten entwirft er absurde Bilder, die feinsinnigen Humor und unverkitschtes Pathos bis zur Unentwirrbarkeit ineinander verflechten: »liebst du mich auch deshalb so halb & halb / und kompetent, / weil uns / die doppelhelix so sanft verkettet / und gefangen hält?«.
Unter jedem Vers lauert das nächste eigentlich vertraute Wort, das im Kontext der Gedichte plötzlich fremdartig, ja, exotisch klingt und garantiert hängenbleiben wird. Rudolph gelingt ein gewitztes, mit absoluter Lässigkeit in Sprache übertragenes Verwirrspiel. Voller Humor, philosophischer Randbemerkungen und der einen Frage: Kann die titelgebende »confessional poetry«, die in der literaturgeschichtlichen Tradition gewöhnlich die eigene Person zum Thema hat, nicht noch mehr sagen? »confessional poetry« zeugt vom geglückten Versuch, den »drängenden notzuständen der / seele, terrorisiert vom gedicht«, wie es im verkappten Nachwort heißt, einen Ausdruck zu verleihen. Frei von Jammerlappenrhetorik, voll von Überraschungen.
Auch in der zweiten Lyrikpublikation Norbert Langes sind dem Ich einige Momente im Spotlight vergönnt. Diese poppen nur nebenbei auf, erweisen sich aber als roter Faden in einem dichten und stilistisch höchst abwechslungsreichen Gedichtband. »Das Schiefe, das Harte und das Gemalene« soll, so schreibt Lange es in der Nachbemerkung, nur der Auftakt von »einem im Entstehen begriffenen, über mehrere Bücher verteilten Hypertext« sein. Seine sprachspielerischen Gedichte verweisen auf literarische Traditionen und blenden schon mal den aggressiven Sprachgestus eines Thomas Kling und Schillers Ode »An die Freude« ineinander. Poetische Splitter, die Lange von Brötchentüten abgelesen oder in der Literatur der Antike aufgefunden hat und in seinen Gedichten in Bewegung setzt, interagieren läßt.
»nichts wovon ich singe paßt zu mir«, heißt es an einer Stelle – stimmt das? Ja und nein. Die Lyrik Langes will der Sprache eine eigene Stimme geben. Das Ich, das scheint der Text selbst zu sein, der versucht, sich auf knapp 100 Seiten selbst zu finden. In der Form wird das deutlich: Häufig werden Worte »zerrrr­hakkt« und die Strophen über Doppelseiten angeordnet. Ein unbequemes, aber fruchtbares Spiel mit den Lesekonventionen – man muß sich die Gedichte schon erkämpfen.
Schlußendlich haben die Gedichte der beiden Lyriker mehr gemeinsam als ein paar biographische Eckdaten ihrer Verfasser. Die beiden Bücher nähern sich demselben Themenkomplex, der poetischen Konstruktion einer Identität. Nur gehen sie von ganz verschiedenen Seiten an das Problem heran. Eine letzte Gemeinsamkeit: Beiden sind damit ebenso faszinierende wie kluge Gedichtbände geglückt.

Andre Rudolph: confessional poetry. Luxbooks, Wiesbaden 2012, 90 Seiten, 19,80 Euro * Norbert Lange: Das Schiefe, das Harte und das Gemalene. Luxbooks, Wiesbaden 2012, 124 Seiten, 22 Euro

Quelle: Schiefe Konfessionen

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