Literatur

Matthias Göritz – Tools

Rezension vom 13. Juni 2012 in jungeWelt (Literaturbeilage):

Eine Welt aus Papier

Lyrikschau: Matthias Göritz greift vergeblich in die Werkzeugkiste. Von Kristoffer Cornils

Was aussieht wie ein Screenshot aus der letzten Phase der Umschlaggestaltung ist tatsächlich das eigentliche Cover. Fast ein wenig bedrohlich schwebt eine Symbolleiste neben der von Nicolas Robert gemalten Tulpe. Ein Cursor rückt einen Schriftzug noch schnell zurecht, bevor der Entwurf an den Verlag abgeschickt werden kann. »Matthias Göritz« steht da in violetter Schrift, darunter in schwarz der Titel: »Tools«. Es ist Göritz‘ dritter Gedichtband und nach außen hin scheint er bereits alles klarzumachen: Hier greift jemand in die Werkzeugkiste, natürlich die der Sprache. »Dichter sind Verwandler«, heißt es später. Das ist ein beinahe banaler Gedanke, der unter dem Buchcover jedoch nicht ausgespielt wird.

 

 

Leider muss man konstatieren: Anstatt das Potenzial seiner Werkzeuge auszunutzen, fasern die Gedichte in labberiges Pathos aus, verfallen in einen rhythmisch unglücklichen Stop-and-Go-Modus oder hüllen noch die belanglosesten Gedanken in den Anschein von Literarizität. Sei es die zyklische Schilderung eines Krankenhausaufenthaltes, eine als Sonettenkranz gebaute Roadmovie-Romanze oder seien es tagebuchartige  Notate: Weder inhaltlich noch sprachlich kann »Tools« wirklich begeistern. Wenn im Peter-Lustig-Parlando eine kleine Geschichte der Tulpe im eurasischen Kulturkreis in Verse gebrochen wird, kommt dabei mit Ausnahme einiger etymologischer Nebenbemerkungen wenig herum. Was hängen bleibt sind eher gruselige Kalauer und Momente klebrigen Kitsches. Wird die Dichterin Emily Dickinson mit den Worten »Du, / eine Frau,/ in die man sich / wieder verliest« apostrophiert, ist das ein ziemlich müder Kalauer und kein erfrischendes Wortspiel, das die Möglichkeiten der Sprache nachvollzieht. Auch Verse wie »Tränen hinterlassen keine Spur, / Ähnlich ist es mit dir« haben weniger poetischen als Poesiealbencharakter.

Der Neugier weckende Titel, das programmatische Cover, sie liefern ein Versprechen, das die Gedichte von »Tools« nicht einlösen. Auch die fast naiven Betrachtungen von Warschau, seiner Gegenwart und seiner Geschichte kommt nicht über ein lahmes »Wie wenig unterscheiden sich Zeiten, / wie sehr« hinaus. Halbgare Gedanken reihen sich aneinander, unspannende Liebesgedichte geben sich mit  laschen, ironisierenden Wendungen die Klinke in die Hand.

Was mit dem Werkzeug Sprache alles möglich ist, hat Göritz mit seinem Band nicht bewiesen. Es gelingt ihm nicht, mehr aus Alltagsleben und Geschichte herauszuarbeiten als ein paar Schnappschüsse. »Tools« liest sich als farbverblichene Diashow aus dem letzten Urlaub in der Realität.

Matthias Göritz: Tools. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2012. 112 S., 19,90 Euro

Quelle: Eine Welt aus Papier

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