Musik

Plvs Vltra – Parthenon / Mr Fogg – Eleven / Sensate Focus 10 / Vladislav Delay – Espoo/ Kid606 – LSDMTB303 EP

Rezension vom 14.06.2012 im TITEL-Kulturmagazin:

Elektroecke

Irgendwie Pop und dann doch nicht? Sülziger Elektro-Pop, ja. House, aber irgendwie anders. Brachiale Beats und ein wenig Acid House-Vergangenheit im zeitgenössischen Gewand: KRISTOFFER CORNILS kramt in der Elektroecke und findet die neuen Releases von PLVS VLTRAMr Fogg, Sensate Focus, Vladislav Delay undKid606.

Auf dem Editions Mego-Sublabel Spectrum Spools würde man alles erwarten, nur keine sorgenfreie Popplatte. Trotzdem bleibt schon der Opener von Parthenon im Ohr hängen wie überzuckerter Kaugummi. Wen wundert’s eigentlich: Hinter PLVS VLTRA steckt schließlich Toko Yasuda, die bereits bei The LapseThe Van PeltEnon und Blonde Redhead ausgeholfen hat und mittlerweile bei St. Vincent die Synthies bedient. Yasuda weiß also, wie guter Pop geht – beziehungsweise, wie Pop anders klingen und trotzdem begeistern kann. Flowers To Bees bleibt der einzige Song, der noch wirkliche konventionelle Schemata abarbeiten. Die restlichen Songs ihres Debütalbums erinnern eher an die Vollzeit-Weirdos von Hype Williams , würden diese Wert auf eine bessere Produktion legen. Das heißt im Klartext: Nach Hooklines, Höhepunkten und Klebrigkeit sucht man auf Parthenon eher vergeblich. Yasuda benutzt lieber Collagen und vergräbt sich tief im Sound – Samples, Synthies und treibende Bässe ergeben eine dichte Klangcollage, die vor allem von ihrer Stimme zusammengehalten wird. Die käsigen Lyrics – na klar, Liebe ist ein großes Thema – muss man vielleicht nicht mal allzu ernst nehmen. Aber auch die passen sich in dieses schräge Pop-und-doch-nicht-Pop-Album perfekt ein. Ein stimmiges Gesamtbild, voller kunterbunter Klänge, subtiler und trotzdem mitreißender Melodien und großer Momente, die sich erst nach und nach erschließen. Pop kann also anders – und dabei vollends begeistern!

Übermelancholischer Mix

Das zweite Album von Mr Fogg spricht da schon eine deutlichere Sprache. Bei Eleven handelt es sich um zehn Stücke astreiner Elektro-Pop-Sülze, die den darken Sound für sich gepachtet haben. Ob das titelgebende Jahr 2011 daran schuld ist oder doch das Klima Islands, wo der englische Produzent den Nachfolger zu Moving Partsaufnahm, sei dahingestellt. Die leicht beklemmende Grundstimmung wird durch Mr Foggs – mit seinem eigentlichen Namen hält er sich hinter dem Berg – näselnden Gesang ziemlich konterkariert. Vor der verspielten, beatorientierten Produktion geriert sich das Stimmchen des Engländers doch ziemlich dünn. Schade eigentlich, denn schöne, sehnsuchtsvolle Melodien lassen sich auf Eleven zuhauf finden. Und selbst wenn die eine oder andere davon sehr bekannt vorkommt: Irgendwie ist es schwierig, sich dem übermelancholischen Mix zu entziehen. Eleven ist kein Album für die Ewigkeit, aber eines, das sich zumindest für eine ganze Weile im Hirn festsetzt.

Keine Party-Anthems

Wer zur Hölle steckt eigentlich hinter Sensate Focus? Die Gerüchteküche brodelt, der Name Mark Fell fällt immer wieder. So richtig mag aber niemand zugeben, dass es sich bei dem gleichnamigen Sublabel von Editions Megoum einen Spielplatz für den nimmermüden Elektroniker handelt. Als wäre das Rätsel um den Kopf hinter dem neuen Projekt – dessen Titel sich übrigens aus einer Behandlungsmethode für Sexualstörungen herleitet – noch nicht genug, liegt zudem jeder Bestellung, die direkt über das Label läuft, ein Bleistift bei. Damit mag man sich vielleicht selbst auf die schlicht aufgemachte Platte malen, was einem zur zweiten Sensate Focus-EP einfällt. Zum Beispiel das Wort „House“. Aus dieser musikalischen Richtung kommt der Sound der zwei neuen Tracks zweifellos. Aber vielleicht kann man auch dieses Label gleich wieder streichen oder ausradieren: Denn obwohl die beiden Tracks X und Y sich auf dem Dancefloor gut machen würden, für die Peak Time einer Clubnacht sind sie nicht geschaffen. Fell – wenn er denn dahinter steckt – schreibt eben keine Party-Anthems. Stattdessen etwas unterkühlte Chords, die über einer brutalen Bassdrum durcheinanderwirbeln. IDM könnte man hinschreiben – oder wieder durchstreichen. Und dann den Stift beiseitelegen und zwei großartige Stücke genießen, ob tanzend oder nicht.

Feine Differenzen, große Unterschiede

Vladislav Delay alias Sasu Ripatti genießt in der elektronischen Sparte den Ruf eines Sonderlings. Mit Jazz und Klassik aufgewachsen, hat sich der 1976 geborene Finne mittlerweile an vielen musikalischen Sparten ausprobiert und selten die Finger verbrannt. Mit Espoo legt er nun sein erstes Release in diesem Jahr vor. Auf dem deutschen Label Raster-Noton ist bestens aufgehoben, erinnern die beiden Tracks Olari und Kolari mit ihren repetitiven Patterns doch stark an das Labelzugpferd Alva Noto. Wie dieser beherrscht Ripatti jedoch die Kunst, mittels feiner Differenzen große Unterschiede zu erschaffen, seine Tracks vor der Monotonie zu bewahren, indem er ihnen immer wieder eine neue Richtung gibt. Das zerstückelte Sample auf Olaritransformiert sich langsam in einen tranceartigen Rhythmus, intensiviert sich an einer Bassdrum, die in ihrer Brachialität der von Sensate Focus in nichts nachsteht. Das Resultat ist ebenso treibend wie ekstatisch. Auf Kolari dominiert eben diese Bassdrum; und wenn man es nicht besser wüsste, könnte man Ripatti glatt mangelnde Subtilität vorwerfen. Das Wummern im hohen BPM-Bereich weiß er aber mit spielerisch-verschwommenen Samples und synkopischen Beats zu einem hypnotischen Ganzen zu verschmelzen. Keine leichte Kost, in seiner fordernden Aggressivität aber sehr einnehmend.

Alt und Neu

Ähnlich lange dabei wie Fell und Ripatti ist auch Kid606. Mit seiner neuen EP LSDMTB303 legt der venezolanische Produzent vielleicht eine Art Coming Of-Platte vor, zumindest aber schlägt er einen neuen Weg ein. Die Acid-Einflüsse, die schon im Titel codiert sind – 303 zollt dem legendären Roland-Synthesizer Tribut, auch LSD dürfte selbsterklärend sein – schimmern jedoch nur selten durch die schlierigen Hip Hop-Beats. Die erinnern häufig an den düster-hauntologischen Sound, wie ihn Acts auf dem jungen Tri Angle-Label bekannt gemacht haben. Die ersten beiden Tracks könnten mit ihren hektischen Hit-Hat-Rides gut und gerne mit ätzenden Dirty-South-Raps ergänzt werden. Sowieso: Irgendwas fehlt noch auf Everything Is Business und dem Titeltrack, sie wirken noch ziemlich unausgereift, skizzenhaft. Vielleicht sind es die warmen Chords, über die Miguel Trost de Pedro entrückte Vocal-Samples geistern lässt. Mit Love Me nimmt die EP einen neuen Verlauf, hat ihren Wende- und gleichzeitig Höhepunkt erreicht. De Pedro lässt es ruhiger angehen und fährt besser damit. Nach einem halbgaren Einstieg gelingen ihm einige Perlen und hier und dort doch Verweise auf den Sound des Acid House. In Dark Archipelago und dem finalen Hood Gone Bad bestreitet die Roland 303 wirklich die Hauptrolle. Keine schnöde Nostalgie, sondern ein gelungener Mix aus Alt und Neu.

Quelle: Elektroecke

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