Literatur

Nora Bossong – Sommer vor den Mauern

Rezension vom 27.04.2012 in jungeWelt

Kleine Lyrikschau

Nora Bossongs Preisbuch

Von Kristoffer Cornils
Der Peter-Huchel-Preis ist einer der angesehensten und, da mit 10000 Euro dotiert, lohnenswertesten Preise, mit denen deutsche Gegenwartslyrik ausgezeichnet wird. Gerade deswegen entspinnen sich häufiger Diskussionen über die Entscheidungen der Jury. Da jeweils ein im Vorjahr veröffentlichter Lyrikband prämiert wird, können diese Voten jedoch leicht auf den Prüfstand gestellt werden. Selbst ohne tiefschürfende Kenntnisse und ohne alle Vorjahrespublikationen im heimischen Bücherschrank zu haben: Ob eine Gedichtsammlung etwas taugt oder nicht, sollte sich auch ohne direkten Vergleich erschließen.
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2012 ging der Peter-Huchel-Preis an Nora Bossong, ausgezeichnet wurde ihr zweiter Lyrikband »Sommer vor den Mauern«. Wirklich daran gestoßen hat sich niemand. Natürlich gab es 2011 einige spannende Publikationen: Katharina Schultens »gierstabil« oder Daniela Seels »ich kann diese stelle nicht wiederfinden« haben sich beide mehr erlaubt als Bossongs Band. Von einer Konsensentscheidung kann man trotzdem kaum sprechen. Bossong schafft es, den Bogen zwischen Eingängigkeit und poetischer Substanz zu schlagen. Auch wenn Zeilen wie »Die Täler gefüllt mit Dorffesten./ Oben erhabene Gartenzucht, / Auberginen mittersommerfarben« einen Rosamunde-Pilcher-Charme in die Lyrik bringen: Unter der bildreichen Sprache liegt mehr. »Aus den Steinhängen brechen/ die Heiligensagen: Drüben/ habe Franziskus Viten gefälscht, / Heilandsimitat umgeben von Reben.« fährt das Auftaktgedicht »Hügelgewächs« fort und zeigt, daß Bossongs Texte nicht bei Postkartenmotivik stehenbleiben.
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Stattdessen wird die Landschaft sondiert, werden die unter den Tableaus brodelnden Konflikte ans Tageslicht befördert. Seien es (religions-)historische Themen, das langsame Aussterben der Traditionen oder die Beschäftigung mit dem Tod – das angenehme Parlando wird subtil von schwerwiegenden Gedanken unterlaufen, ohne an Reiz zu verlieren. Der Verzicht auf sprachliche Experimente fällt dem gegenüber wenig ins Gewicht, die inhaltliche Vielfalt kompensiert einiges.
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Taugt »Sommer vor den Mauern« also etwas? Definitiv. Der Huchel-Preis ehrt einen ebenso schönen wie intelligenten Gedichtband. Wie könnte man sich daran stoßen?
Nora Bossong: Sommer vor den Mauern. Carl Hanser Verlag, München 2011, 96 Seiten, 14,90 Euro
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One thought on “Nora Bossong – Sommer vor den Mauern

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