Musik

DVA – Pretty Ugly; The Host – s/t & NHK’Koyxe – Dance Classics Vol. I

Rezension vom 29.03. im TITEL-Kulturmagazin:

Hirntänze

Sich zwischen blubberndem Rumgewobble, wummerndem Techno und intelligenzvernarrten Bruchstückbeats zu bewegen, gehört doch schließlich zum guten Ton. DVA, The Host und NHK’Koyxe? reihen sich ein, üben sich im Brückschlag und versuchen sich kreativ auszutoben ohne den Spaß vom Dancefloor zu fegen. KRISTOFFER CORNILS über drei Hirntanzalben.

 

Groove als roter Faden

Schon auf dem zweiten Track von DVAs Debüt-LP auf Hyperdub fasst Sängerin Fatima das Problem eloquent zusammen: Gotta find a place that’s mine / where I can build up something / create new sounds. Wo alles abgegrast zu sein scheint, müssen Synthesen her. Und obwohl sie etwas von den komplexen Beats des Produzenten hin- und hergeschubst wird, der Groove ist da. Und er zieht sich durch Pretty Ugly hindurch wie ein roter Faden, an den sich die stilisierten Synthieexperimente und verschrobenen Akkordstaccati geklettet haben. Keine Frage, Pretty Uglybietet abseits der verqueren und stellenweise lästigen Soundschnipselexzesse wunderbar tanzbares Material ab. Das ist vor allem der Fall, wenn Vocals ins Spiel kommen und DVA zu etwas mehr Struktur zwingen. Die von ihm handverlesenen Features – mit an Bord sind ausschließlich Vocalists, auf die DVA im Rahmen seiner eigenen Radioshow aufmerksam geworden ist – falten die Beats zwar nicht vollständig auf Four-to-the-Floor-Format zusammen, bringen aber die Notwendige Abwechslung vom latent-penetranten Abwechslungsreichtum ins Spiel.

 

 

Wenn sich Funk und Verschrobenheit, ohrwürmelnde Hooks und komplexe Arrangements verzahnen, macht Pretty Ugly einen Heidenspaß. Solange den feuchten Polyphonic Dreams noch das Titelstück (heimlicher Höhepunkt der Platte: Cornelia) entgegensteht und eine schlaffe Nummer wie Eye Know (ziemlich fehl am Platz: Natalie Maddix) von einem – zugegebenermaßen etwas gefälligem – Anthem wie 33rd Degree (ebenso verschüchtert wie lasziv: Muhsinah) aufgefangen wird, hält sich der Schaden definitiv in Grenzen. Pretty Ugly beweist sich als sprechender Titel, bei DVA liegen nervenaufreibende Misstöne und eigenwillige, aber perfekt aufgehende Tracks nah beieinander.

 

Wenn die Euphorie vorbei ist

Ein Album wie Pretty Ugly passt sich ebenso so nahtlos in den Katalog des vor einigen Jahren senkrecht gestarteten Labels Hyperdub ein wie das selbstbetitelte Debüt von The Host auf Planet Mu. Nicht nur, weil dahinter ein alter Bekannter steckt, schließlich handelt es sich bei dem dubiosen Produzenten um keinen Geringeren als Barry Lynn, der auf dem profilierten Label bereits vier Alben unter dem Pseudonym Boxcutter veröffentlicht hat. Den markigen Bass, der viele seiner sonstigen Produktionen prägt, lässt er als The Host jedoch vor der Tür stehen. Es regieren Synthieflächen, die einmal und einmal mehr durch den Vaselinefilter gezogen wurden sowie pompöse Beats die wie auf Internet Archaeology dem verspielten Album hier und dort den Stadionrockstempel aufdrücken.

 

 

Obwohl The Host auf analoger Basis entstanden ist und man vor allem Hidden Ontology einen gewissen Tangerine Dream-Flair nicht absprechen wird können, orientiert sich Lynn eher an frischen, um nicht zu sagen hippen Sounds, wie sie zum Beispiel sein Labelmate Kuedo auf ein tanzwilliges Publikum loslässt. Dieses wird The Host wohl mit weniger Gegenliebe als erhofft – oder, bösartig ausgedrückt, forciert – begegnen, denn selbst wenn sich Lynn in körperlich nachvollziehbaren Beats widmet, langweilt er doch eher mit ebenso unmotivierten wie hyperaktiven Rhythmen. Voll aufgehen dürften die Tracks eher im Anschluss an die Afterhour, wenn die große Euphorie vorbei und der Kopf wieder klar ist. Die instrumentalen Spielereien – Gitarre und Bass schieben sich gegen Ende des Albums immer mehr ins Bild – laden zumindest eher zum Träumen als zum Tanzen ein. The Host funktioniert eher im Kopf als im Körper, darin liegt auch seine wesentliche Stärke.

 

Wirre Cut-Up-Technik

Noch extremer als Flynn treibt es MATSUNAGA Kouhei, der bereits als NHK alias NHKyx alias Internet Magic alias Koyxen auffällig geworden ist und nun als NHK’Koyxe? ein neues Feld betrifft. Sowieso handelt es sich bei Matsunaga um eine beeindruckende Persönlichkeit: Sozialisiert wurde der in Osaka geborene mit Hip Hop und Techno, kollaboriert hat er unter anderem mit dem kürzlich verstorbenen Elektronikpionier Conrad Schnitzler, dem berühmt berüchtigten japanischen Noise-Gott Merzbow und dem durchgeknallten internationalen Hip Hop-Kollektiv Puppetmastaz. Noch mehr?

 

 

Ach ja, da war ja noch das Architekturstudium, das eigene Label Flying Swimming und die an Henri Chopin angelehnte Arbeit für den WDR. Nach 20 Jahren emsiger Dauerbeschäftigung verspricht der Japaner nun Dance Classics, und zwar Vol. I. Halten die Songs, was der Titel und nicht zuletzt die Vita versprechen? Eher nicht. Die wirre Cut-Up-Technik des Albums lässt weniger an verschwitzten Prime-Time-Sound denken und einen Hang zur Trash-Nostalgie lassen bereits die zerhackten Akkorde des Openers 587 erahnen. NHK’Koyxe? zeichnet sich eher durch interessante Experimente und Stilbrüche als durch interessante Strukturen aus, und letztlich schafft es Matsunaga selten, wirklich zu überzeugen. Die repetitiven Patterns, die das Grundgerüst der Tracks stellen, erhalten selbst durch das überbordende Beiwerk nicht den notwendigen Schliff, sie sind rhythmisch schlichtweg stinklangweilig und darüber kann kaum etwas hinwegtäuschen. Auch die kurzen Interludes, die in Hinsicht auf das gesamte Album etwas Abwechslung in den Mix bringen, reißen wenig raus. Dance Classics Vol. I nimmt den Mund gehörig voll, denn weder legt Matsunaga Instantklassiker vor, noch gelingt ihm ein schlüssiger Rückgriff in die eigene musikalische Vergangenheit, der Geist der guten alten Zeit schwächelt in seinen Tracks höchstens als Echo im Hintergrund.

Quelle: Hirntänze

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