Leben / Musik

Hanna Hirsch – Gå hem över himlen

Als ich 17 Jahre alt war besuchte ich einen VHS-Kurs, um Schwedisch zu lernen. Motivation dafür war neben einem generellen Sprachfaible und einem Mädchen die Aussicht, ich könnte ja mal irgendwem weismachen, ich sei eigentlich Skandinavier – immerhin hört sich mein Name mit viel Fantasie danach an und wer groß, blond und blauäugig ist hat eh gute Chancen. Das klappte tatsächlich. Auf einer Silvesterparty erzählte ich diesen hanebüchenden Unsinn meiner ehemaligen Nachbarin, die sich bestürzt zeigte, sechs Jahre neben uns gelebt ohne je von unserem Migrationshintergrund erfahren zu haben – “schon traurig, wie wenig man eigentlich voneinander weiß…”. Das Karma rächte sich allerdings an mir und so wurde es weder mit dem Mädchen noch mit der Sprache etwas. Mit ersterem kann ich bei genauerem Nachdenken bestens leben und Zweiteres hat auch seine guten Seiten: Schwedisch hat seinen Exotenbonus bei mir noch nicht verloren. Allein deswegen hat mich die neue LP von Hanna Hirsch irgendwie umgehauen. Sängerin Siri hat nicht nur ein bizarr kraftvolles und voluminöses Organ, sie rollt das R auch härter als jeder spanische Tourist, der sich an der Warschauer Straße nach dem Weg zum Berrrghain erkundigt. Sowieso geht der gellende Gesang eine ganz besondere Symbiose mit der Musik der Band ein. Can I say Schlagerpunk aus der Garage? Im besten Sinne natürlich: Die großen Gesten, zu denen die Stimme ausholt setzen sich perfekt auf die Musik, die auch mal ganz unironisch auf Mundharmonika-Soli (Vi bor i ett slott, heißt glaube ich: Wir leben im Schloß) und Fisher Price-eske Keyboard-Passagen (Lyckan är arbetsam, irgendwer oder -was ist arbeitsam – wärt ihr nie drauf gekommen, gebt’s zu) setzt. Hanna Hirsch spucken eine zünftige Prise Kautabak in Richtung Couny- und Folk-Punk ohne sich dabei die Hände am bizarren Cowboy-Cosplay zu verbrennen, wie das ja selbst mal deutschen Ex-Punkern passiert.

Die Songs gehen knackig und kompakt nach vorne und harmonieren perfekt mit dem leichten Pathos in den Gesangslinien, die selbst dem Vollzeitmisanthropen Morrissey noch Respekt abringen könnten. Das ist mindestens so catchy wie der letzte Indie-Disco-Smasher, hat aber mehr Halbwertszeit. Gå hem över himlen fällt dank durchgedrücktem Uptempo-Pedal mit 14 1/2 Minuten reichlich knapp aus, spart sich im Gegenzug jedoch jeglichen Schnickschnack und weiß damit zu überzeugen. Natürlich auch über den Exotenbonus hinaus, der ist ja schließlich eben nur das: Bonus zu einer großartigen Platte.

Erschienen ist die Platte bei adagio830, bestellen kann man sie auf schwarzem oder grauem Vinyl bei Bis aufs Messer.

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