Musik

Reliq – Minority Report / Serph – Winter Alchemy

Rezension vom 15.12. im TITEL-Kulturmagazin:

Soundschichtungswut und grundlegende Entspanntheit

Wenig ist von Serph bekannt, nur dass es sich dabei um das Projekt eines jungen Tokyoters handelt. KRISTOFFER CORNILS hat pünktlich zur Weihnachts-EP Winter Alchemy herausgefunden, um wen es sich handelt: Um… Trommelwirbel… Reliq! Und der präsentiert jetzt sein Debüt. Klingt nach zu viel des Guten? Jein.

Weniger ist manchmal mehr! Das will die Bauernschläue dem Japaner nach den ersten paar Tracks von Reliqs Minority Report zurufen. Denn nicht nur mit der Pynchonesken Geheimniskrämerei und der Pseudonymsammelei übertreibt es der Japaner etwas. Hektische Beats werden von zitternden Arpeggien überlagert, hier und da killen verquere Vocal-Sampels die Harmonie und zu guter letzt sorgen ein paar clicks & cuts für den endgültigen auditiven Overkill. Als Reliq verliert der Produzent über seine Soundschichtungswut zudem noch etwas den Überblick im Songwriting – die Tracks zappeln ohne erkennbaren Spannungsbogen vor sich hin. Wirklich schlecht hört sich das nun auch nicht an, die eine oder andere zuckersüße Melodie findet durch das Klangchaos doch ihren Weg in die Gehörgänge. Reliq schrammt haarscharf an der undifferenzierbaren Kakofonie einer japanischen Pachinko-Spielhölle vorbei und schafft es noch durch vereinzelte gut platzierte Breaks, für etwas Dynamik zu sorgen. Minority Report kommt überambitioniert daher und liegt eigentlich unter dem Niveau des japanischen Künstlers, wie das zeitgleich erschienene Release seines ursprünglichen Alter Egos beweist.

 

Serphs Winter Alchemy zeigt sich von einer besinnlicheren Seite. Klar, schließlich handelt es sich um eine Weihnachts-EP, die Motive von westlichen Klassikern aufflackern lässt und sie ordentlich durchdekonstruiert. In der Instrumentierung lässt Serph kein Klischee aus, lässt die Glöckchen klingen und verliert sich trotzdem nicht im Kitsch. Auf Twinkler spielt der Japaner seine volle Stärke aus – IDM-Reminiszenzen treffen auf eingängige Melodien, und trotz aller gebrochener Beats überwiegt doch eine grundlegende Entspanntheit. Die gesamten sieben Songs schmecken dankenswerterweise weniger nach Zimt und Mandarinen. Die EP hat in all ihrer Liebäugelei mit poppigem Feeling einen sehr japanischen Touch und dürfte im Plattenschrank neben World’s End Girlfriend und NAKASHIMA Motohiros frühen Alben ganzjährig bestehen. Wo Reliq nicht überzeugt, da punktet Serph umso mehr – vielleicht doch ein Vorteil der dissoziativen Musikerpersönlichkeit, die sich in Rätsel hüllt.

Quelle: Soundschichtungswut und grundlegende Entspanntheit

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