Literatur

Christoph Ransmayr/Martin Pollack – Der Wolfsjäger (ungekürzt)

Vor einigen Tagen erschien im Tagesspiegel eine gekürzte Fassung meiner Rezension zu Christoph Ransmayrs und Martin Pollacks Erzählband “Der Wolfsjäger”, die ich hier in ihrer Gesamtheit noch einmal online stellen wollte:

 

Es beginnt mit einem Massaker: In den polnischen Karpaten reißt ein Wolf fast eine gesamte Schafsherde. Die Landbevölkerung ist machtlos, die Regierung erlaubt ihnen nicht, genug Wölfe zu schießen um sich der Plage ein für alle Mal zu entledigen. Die namenlosen Erzähler sind eigentlich auf der Suche „nach den Spuren von Menschen“ und werden durch die kurze Episode auf einen Umweg geführt, der nur ein scheinbarer ist. Auf den Fährten der Wölfe decken sie immer mehr von den Problemen auf, mit denen Polen sich nach dem Fall des eisernen Vorhangs konfrontiert sieht. In der sagenumwobenen Karpatenregion, abseits der großen Städte, stehen sich Mensch und Tier ebenso gegenüber wie postkommunistische Bürokratie und archaische Ordnung. Es wäre zu einfach, den Wolf als Teil einer schwarz-weiß-Metaphorik abzutun, in ihm das einbrechende Unheil zu sehen, eine Nemesisfigur gar, die die Verbrechen an der ukrainischen Minderheit der Lemken und Bojken nach dem Ende des zweiten Weltkriegs rächen soll. Mit dem zum Allgemeinplatz verkommenen Satz vom Menschen, der des Menschen Wolf sei, kommt man dieser Geschichte jedenfalls nicht bei.

Wenn Christoph Ransmayr und Martin Pollack ihre Erzählung „Der Wolfsjäger“ als Duett bezeichnen, ist das mehr als eine rein formale Zuordnung. Dass zwei Autoren gemeinsam Prosa schreiben, ist sicherlich kein Novum. Wichtig ist aber, dass das Duett der beiden nicht nur zwischen ihnen stattfindet. „Der Wolfsjäger“ ist nicht das Gebiet eines Schlagabtauschs zweier Egos, sondern ein gezielt umgesetztes Projekt im Rahmen von Ransmayrs seit 1997 in loser Reihenfolge erscheinender Reihe „Spielformen des Erzählens“. Das namenlose, unbestimmte „wir“, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, tritt, ganz im Sinne des Duetts, immer wieder in eine Art Dialog, um dann unvermittelt in ein unisono zu verfallen. Wie man an mancher Stelle meint, den reduzierten und rhythmischen Stil Ransmayrs von der nüchternen, präzisen Sprache des ehemaligen Warschau-Korrespondenten des SPIEGEL unterscheiden zu können, so schnell tilgen sich diese feinen, fast unmerklichen Differenzen wieder. Sie machen den Leser zum Fährtenleser, nicht nur durch die enorme Sogwirkung, die durch das sprachliche Verwirrspiel kreiert wird, sondern auch durch die fast morbide Atmosphäre.

Wie sich die Stimmen der beiden Verfasser einander annähern und sich schlussendlich überlagern, so verhält es sich auch mit den scheinbaren Oppositionen von Gut und Böse, Freund und Feind, vor allem aber: Vermeintlicher historischer Faktizität und dem Mythos, der in der südlichen Provinz des ehemals kommunistischen Staats auf fruchtbarem Boden gedeiht. Dies sind zwei Pole, die in Ransmayrs Werk häufig, aber selten mit solcher Heftigkeit, aufeinanderprallen, um sich dann fast wieder vollkommen ineinander aufzulösen. Die Verfasser entziehen sich, erheben nicht den Zeigefinger, und das, obwohl sie eine brisante Seite der polnischen Geschichte beleuchten. Die Frage nach einer Schuld wird nicht gestellt, es wird die historische Wahrheit überhaupt angezweifelt.

Wer also dieser Wolfsjäger ist, von dem der Titel spricht, es wird nie direkt ausgesprochen. Im örtlichen Gasthaus stoßen die Erzähler auf die Tochter des Wirtshausbetreibers, die den „sogenannten Wolfsjäger“ Szymczuk als Warschauer Schnösel abtut, einen Sohn aus reichem Hause, der den Aberglauben von den blutrünstigen Wölfen zu seinen Gunsten nutzt. Auch vom tiefgläubigen Einsiedler Wasyl, in dessen abgelegene Hütte der Weg am nächsten Tag führt, wird noch behauptet werden, er habe nie einen einzigen Wolf selbst erlegt. Dabei schwört er, dass er sein Leben der Ausrottung der Tiere gewidmet hätte, die einst seine Mutter getötet haben. Im Gasthaus heißt es, er sei vielmehr „an der Grausamkeit der Menschenwelt irre geworden“ und dass er „unter den Wölfen vielleicht seine einzigen Freunde gefunden hätte“. Wer sagt nun die Wahrheit? Was können die Erzähler glauben, was der Leser? Ransmayr und Pollack verfallen nicht in Reflexion, sie kommentieren nicht, begrenzen Sachverhalte auf ein Mindestmaß und beziehen keine Stellung. Stattdessen sorgt der eindringliche Tonfall für Identifikationsmöglichkeiten, sei es mit der Landbevölkerung oder dem Eremiten Wasyl. Nur, um sofort wieder Gegenakzente zu setzen, alles in ein anderes Licht zu rücken.

Zwei weitere Prosastücke versammelt der schlichte Band, „Der Heilige“ und „Der Nachkomme“ wurden erstmals in der Zeitschrift Trans Atlantik veröffentlicht und erscheinen nun in überarbeiteter Form. Die Geschichte vom als Pazifisten verehrten Wehrmachtssoldaten, die sich bei genauerer Recherche als fragwürdige Legende herausstellt und der aus der Ich-Perspektive erzählte Bericht eines polnischen Juden, der sich widerstandslos aus seiner Heimat vertreiben ließ und dessen Sohn im Wiener Exil beginnt, sich von der Apathie seines Vaters zu distanzieren, sind als Vorstudien beigegeben. Sie haben nicht die erschütternde und kongeniale Qualität der Titelgeschichte, weisen hier und da ihre Längen auf. Sie sind, wie eingangs noch vorsichtig erwähnt wird, tatsächlich nur „Zugabe“, „Bonusmaterial“ für eine der beeindruckensten Prosaarbeiten des Jahres.

„Der Wolfsjäger“ erschüttert den Begriff der Wahrheit überhaupt und hat damit, das deutet der Rahmen, in den das Experiment eines literarischen Duettes eingebettet ist, bereits an, nicht nur eine moralische, sondern auch eine poetologische Dimension. Ohne an irgendeiner Stelle an den Leser zu appellieren, sorgt sie für eine kritische Auseinandersetzung mit den vermeintlichen Opposition von historischer Wirklichkeit, dem Mythos und schlussendlich auch der Scheinopposition von Gut und Böse. „Der Wolfsjäger“ wirft Fragen auf, weist über sich hinaus, ohne sich aufzudrängen oder anzustrengen. Das macht die große Kunst dieser Erzählung aus, die Wort für Wort ein Duett mit dem Leser beginnt.

Christoph Ransmayr und Martin Pollack: Der Wolfsjäger, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011. 68 S., 14€.

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