Literatur

Norbert Hummelt – pans stunde

Rezension vom 07.11. in jungeWelt:

Nein, keine Panik

Lyrikschau: Norbert Hummelts neuer Gedichtband ­enttäuscht auf ganzer Linie

Von Kristoffer Cornils
Obwohl Pan nach manchen Versionen zum Anhängsel des Dionysos gehörte, trennt ihn doch einiges vom griechisch-mythologischen Botschafter für Sex, Drugs und Rock’n’Roll. Halb Mensch, halb Tier, voll und ganz kleinkarierter Spießer, war der antike Hirtengott auf seine Mittagsruhe bedacht. Wehe dem, der die störte: Das Wort Panik leitet sich von dem kopflosen Zustand ab, in den er ungezogenes Bauernvolk versetzte, wenn sie ihm die Mittagszeit unterbrachen. Nicht unbedingt verwunderlich, daß aus dem rachsüchtigen Flötisten ein literarischer Topos wurde. Norbert Hummelts neuer Gedichtband »pans stunde« bezieht sich auf diesen etwas angestaubten Mythos und fügt ihm wenig Neues hinzu. Die in Gedichtform gegossenen Sedativa von befindlichkeitsfixierten Momentaufnahmen werden wohl niemanden aus der Siesta reißen.
Neben der antiken Figur bedient sich Hummelt aus der ganzen Trickkiste althergebrachter Topoi und Stilmittel. Die Gedichte leiern mit ­stockend-alternierender Metrik und einer Liebe zu versübergreifenden Binnenreimkalauern vor sich hin: »u. sind wir beide auch noch so lieb, ich glaube, das / unzerstörbare ist, was von uns nach der chemo blieb«. Neben allen sprachlichen Ausrutschern im selbstgewählten formalen Zwangskorsett sorgt vor allem das lyrische Ich für eine unvergleichliche Dichte an Fremdschämmomenten. Entweder überzogen romantisch-verklärt oder hypersensibel und melancholisch durchlebt es eine tragisch anmutende Liebesgeschichte mit einem Du, die den losen roten Faden des Bandes bildet.
»pans stunde« ist von erschreckend niedriger Halbwertzeit. Höchstens die Mißtöne bleiben hängen. Realitätsferner Eskapismus, der überwiegend die biedermeierische Provinzidylle besingt und mit imaginativer Gewalttätigkeit vergangene Zeiten evoziert, voll bullernder Heizungen, Christbäumen und friedlicher Familienaufnahmen. »da wir nah am getränkemarkt hielten u. mir der ort / wenig anmutig schien kam mir das wort wieder neu / in den sinn: hier möchte ich auch nicht abgemalt sein«. Hummelt jedoch Reaktionismus vorzuwerfen, wäre nur dankbar: Allein schon die antiquierte Form kann man getrost als konservative Diktion lesen, als Provokation vielleicht. Provokation gegenüber der Zeitgeistigkeit, die in ihrer Schnellebigkeit das Vergangene vergißt und den Pessimismus obsiegen läßt. Die Harmlosigkeit, mit der andererseits die Weltkriegszeit geschildert wird, bricht nur stellenweise auf: »es sind fünf jungen, einen holt der blitz«. Ansonsten malen die Gedichte die Welt in den buntesten Farben.
Obwohl Hummelts Texte vor allem die gediegene Ruhe von »pans stunde« wieder in die Lyrik bringen wollen, erahnt man noch den Versuch, Unruhe zu stiften, Widerspruch, Panik. Die Kontraste sind jedoch nur spärlich eingesät. Der Band dümpelt vor sich hin, mittagsfaul und bewegungsunfähig. Welche Dimension Hummelts Gedichte auch hätten bekommen können, welches politische Potential in ihnen vielleicht sogar stecken könnte – es wird verdrängt von klebrigem Pathos und stilisiertem Kitsch.
* Norbert Hummelt: pans stunde. Gedichte. Luchterhand, München 2011, 96 S., 16,99 Euro.
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