Musik

R/S – USA

Rezension vom 08.09. im TITEL-Kulturmagazin:

Körperlich, assoziativ, kognitiv?

An einem Album wie USA scheiden sich sicherlich die Geister. Das Livealbum der etablierten Klangkünstler Peter Rehberg und Marcus Schmickler, Produkt einer gemeinsamen Tour durch die Vereinigten Staaten, weist genug Verstörungspotenzial für eine handfeste Auseinandersetzung auf. KRISTOFFER CORNILS diskutiert mit sich selbst und wird sich nicht einig.

»Also gut, am Anfang sieht’s ja noch so aus, als könnte da ein Song draus werden oder jedenfalls eine Art Klangcollage, die wirklich in eine Richtung geht. Aber dann kommt da nur noch Krach, so ein intellektueller Mumpitz. Hauptsache Lärm machen, irgendwer denkt sich schon was bei.« – »Naja, da steckt doch ein Konzept hinter.« – »Sicher?« – »Natürlich: Peter Rehberg war Mitbegründer von Mego, heute Editions Mego. Du kennst das Label doch, die bringen immer Platten raus, die du auch selten verstehst – die meisten davon magst du doch trotzdem.« – »Ja, aber das versteh ich nun wirklich nicht. Ich versteh einfach nicht, welchen Wert das haben soll. Das ist dreimal wahlloses Rumgequietsche vor Publikum, nach irgendwelchen Kriterien zusammengeschnipselt. Wieso sind das überhaupt drei verschiedene ›Songs‹? Das macht doch von Anfang an keinen Sinn, da steckt doch nichts hinter. Die daddeln nur mit ihren teuren Spielzeugen.« – »Was? Quatsch. Das ist ein dekonstruktivistischer Ansatz, oder zumindest… Na, post-modern. Das spielt doch… Also, mit der Erwartungshaltung seines Publikums. Das ist Konzeptmusik. Das ist zielt eher auf den Geist ab.« – »Spielen, ja, da geh ich mit. Die spielen halt mir ihren teuren Laptops und dem anderen Gedöns rum und machen Lärm. Mal hier ein Achtellauf mit einer Drummachine, dann wieder nur Störgeräusche, irgendwo mal sowas wie eine Melodieführung mit verzerrten Synthie-Drones und dann wieder nur grrrrrpffffffrrrrrrrkkrraaaaaaa… aaapfffffrrrrrbwoooaaanggggg…. Ja, super. Muss ja Kunst sein, versteht ja niemand.« – »Najaaa.« – »Nee, nichts: Najaaa. Das kann doch jeder.« – »Ja, eben nicht! Oder könntest du das?« – »Ich würd’s ja nicht mal machen wollen.« – »Na siehst du, die widmen sich da einem Projekt, an dem sich sonst niemand ausprobieren würde. Kann man doch mal wertschätzen, als Bereicherung, abseits des Mainstreams.«

[Schweigen]

»Okay, das zweite Stück, Chicago II hat ja noch sowas wie Songcharakter.« – »Das ist ja live improvisiert. Die harmonieren schon sehr gut, ja!« – »Gefällt mir noch am besten. Da kann man was mit anfangen.« – »Und wieso mit Chicago I nicht?« – »Na, weil das so furchtbar wahllos ist. Das fiept und kracht und knackt und dröhnt, aber sowas wie eine Struktur kommt da nicht zustande.« – »Muss es das? Eigentlich magst du doch Musik, die mit Strukturen bricht.« – »Ja, schon, aber…« – »Ja, was: Aber?« – »Na, das kann man ja auch machen, ohne total auf dieser aleatorischen Schiene zu fahren und nach Zufallsprinzip nur Krach ineinander zu faden und übereinander zu schichten und dann brrrrrrwwwrrruuuuuummzzzrrrzzrrrrkkkrrrrr…« – »Ja, aber das wäre ja schon wieder konventionell.« – »Ich find’s auch konventionell, nur Krach zu machen.  Schockt das noch wen im Publikum? Schmickler hat doch bei Johannes Fritsch gelernt, das ist doch so ziemlich dasselbe, nur eher mit klassischen Instrumenten. Das jetzt mit dem Laptop auf die Spitze zu treiben – ich weiß nicht, wo liegt da noch die Innovation? Außerdem hast du doch auch mal Merzbow gehört, der hat das doch auch schon alles abgeklappert.« – »Ja, aber ich find schon, dass das was anderes ist. Hat eine schöne Eigendynamik. Wenn man da genau hinhört, und das etwas abstraker betrachtet, dann sind da mehr Strukturen vorhanden, als man beim ersten Mal denkt. Trotz des Improvisationscharakters.« – »Das hört sich an, als würde man mit einem kaputten Auto bei 220k/mh über eine Landstraße rasen.« – »Ach komm, du hast doch nicht mal einen Führerschein. Die beiden nehmen eben Sounds auseinander und bauen sie neu zusammen, Versatzstücke von Musik, die zusammen montiert werden.« – »Sag ich ja, sie hätten Kfz-Mechatroniker werden sollen.«

[Schweigen]

»Aber du kannst nicht leugnen: Das hat schon so seine Wirkung.« – »Irgendwie schon. Also, es irritiert mich. Hat auch was Körperliches. Das macht es aber nicht weniger anstrengend. Ich denk die ganze Zeit, mein Telefon würde klingeln, das ist auch eine Wirkung.« – »Es fordert also Reaktionen heraus.« – »Ja, klar.« – »Na siehst du!« – »Gar nichts sehe ich. Ich kann ja nicht mal mehr richtig hören, glaub ich.« – »Ich meine: Endlich mal wieder Musik, die noch Verstörungspotenzial hat, ein Skandalon! Das hat man selten.« – »Nee, nee. So kann man das nicht sagen: Das ist ein Live-Album, das haben die beiden vor irgendwelchen hippen Klangfetischisten eingespielt, die sowas gewohnt sind. Die werden da wohl kaum mit Schuhen geschmissen haben. Die sind da bestimmt rausgegangen und haben einen Schmonz erzählt von wegen, wie inspirierend das doch gewesen sei. Und haben dann Marshall McLuhan zitiert oder irgendeinen hippen französischen Philosophen.« – »Naja, okay, das kann sein, dass sowas schon ein wenig offene Türen einrennt. Aber zumindest wir beide diskutieren doch.« – »Mal ehrlich, wir sind schon beim dritten Stück, NYC, und hast du nach den ersten paar Klicks und dem ersten Vollknarz noch hingehört? Jetzt grade war sowas wie eine Feuerwehrsirene, das hat mich jedenfalls daran erinnert, dass ich keine Hausratsversicherung habe.« – »Okay, ich glaub, das wird so nichts: Können wir uns jedenfalls drauf einigen, dass das Album bei uns irgendwas in Gang gesetzt hat? Körperlich, assoziativ? Kognitiv?« – »Ja, vielleicht. Wenn du zugibst, dass das nun wirklich das Gegenteil von Easy Listening ist.« – »Gut, meinetwegen. Hätten wir das geklärt« – [Ganz leise]: »Pfrrrrwrzzzzkkkrrrrmmm… Kuuuuunst, pff.« – »Immer das letzte Wort haben, ja?« – »Selber!«

Quelle: Körperlich, assoziativ, kognitiv?

 

Zum Reinhören und Mitreden: Hier gibt es ein Sample

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