Leben / Musik

Armutskäufe und Affektreviews, Teil III: Mauerpark

Ich weiß, gerade als zugezogener Student ist es eigentlich unentschuldbar, ernsthaft an einem Sonntag den Trödelmarkt am Mauerpark zu besuchen. Aber was sollte ich machen? In der vorangegangenen Nacht war mir auf meinem Nachhauseweg mal aufgefallen, wie gut doch The Queen Is Dead von den Smiths ist. Also, so richtig, richtig gut. In Verbindung mit der leicht erhöhten Konzentration von Alkohol in meinem Blutspiege resultierte diese Epiphanie schließlich in dem dringenden Wunsch, mir unbedingt dieses Shirt zu kaufen, auf dem das Cover der LP zu sehen ist. Auch das ist schließlich richtig, richtig gut und hat nebenbei natürlich diesen schnieken existenzialistischen (Un-)Farbton. Mir war immerhin noch klar, dass es diesen einen Stand am Mauerpark gibt, der die ganze Altersgruppe zwischen 18 und 25 mit diesen Black Flag-, Sonic Youth- und eben auch The Smiths-Shirts beliefert, die irgendwie jeder trägt, die aber auch wirklich schick sind. Zwischen knallender Sonne und sintflutartigen Regenfällen (es ist übrigens nicht schön, ein annähernd zwei Meter großer Mensch in einer Welt voller Regenschirme zu sein) wühlte ich mich durch spanische, lateinamerikanische oder schwäbische Touristengruppen oder -pärchen und Abiturienten von einer Plattenkiste zum nächsten Bücherstapel. Dabei wurde ich auf einen ziemlich winzigen, privaten Stand aufmerksam (jetzt wirklich: Die sind eine Seltenheit), auf dem ein paar Platten lose herumstanden, deren Covers Verwandtschaft mit Hardcore und Punk indizierten. Ich griff mir die erste LP von Culm und als ich noch über das Label Miyagi rätselte, sprach mich der Endzwanzigerstandbesitzer an: „Drei Euro.“ „Um, was ist das so für Mucke?“ (Wenn man inkognito unterwegs ist, darf man das Wort ja mal benutzen). „So in Richtung Fugazi.“ Irgendwie ist sicherlich alles ein bisschen Richtung Fugazi, aber er hatte mich etriggert. Ich schnappte mir noch zwei 7“s und nachdem er acht Euro vorschlug, wollte ich ihn in Gedanken an mein kleines Projekt auf fünf herunterhandeln. Da er offenbar bei Life Of Brian nicht an der richtigen Stelle aufgepasst hatte, ging er auf sechs hoch, legte allerdings noch ein grünes Culm-Shirt in meiner Größe drauf. Mir sollte das recht sein.

Sineater: Dunce Cap 7“

Sineater fand ich interessant, weil ich bestimmt schon mal von ihnen gehört habe. Also, es sei denn natürlich, ich verwechsel sie mit Lotus Eater, Glasseater, Eater, Men Eater oder – naja. Sowohl Front- als auch Backcover bestachen mich durch ihre angenehm unironische Neunziger-Hardcore-Ästhetik, die dieses gewisse politische Etwas hat. Immerhin zeigt der Sänger auf dem Bandfoto vor kanadischer Einöde das Victory-Zeichen. Lässig. Nachdem ich mich kurz doch in der rpm-Zahl geirrt hatte, groovte mir dann tatsächlich so ziemlich das entgegen, was ich erwartet hatte. Netter Neunziger-Hardcore Punk, der sich immerhin mal die Mühe machte, durch clean gesungene Refrains mit zwei Stimmen etwas aus dem selbstgenähten Korsett auszubrechen. Jedenfalls keine Hare Krishna-Scheiße.

Von dieser Art Platte hat glaube ich jeder mindestens ein dutzend in der hinteren Ecke des Plattenschranks liegen, das ist doch schließlich der Kram, den man bei eBay-Auktionen als Überraschungsbeigabe dazubekommt, wenn man wieder mal 30€ für irgendeine seltene 6“ mit mundbemaltem Cover ausgegeben hat und der Verkäufer nun hofft, er könnte mit der Aktion die drei Wochen ausgleichen, die er gebraucht hat, um die Platte in einem ungefütterten Briefumschlag loszuschicken. Sineater sind definitiv nicht die schlechteste Band aller Zeiten, aber irgendwie machen sie so gar nichts, was irgendwie besonders wäre. Fast 20 Jahre später (das Copywrite [sic!] ist auf 1993 datiert) jedenfalls reißt es sicherlich keinen mehr vom Hocker, was die vier Kanadier da so an „music & words conceived“ haben. Irgendwie bleibt nur das Cover wirklich der Knüller, schließlich ist die Statue mit dem Mikropenis zur Linken angeknabbert, was schon irgendwie catchy ist, oder?

2/5

Culm: Life In A Steel Cage Is No Life At All LP

Machen wir uns nichts vor: Irgendeine deutsche Band mit Fugazi zu vergleichen legt entweder nahe, dass man nicht unbedingt auf das musikalische Wissen seines Gegenübers vertraut oder möglichst allgemein sprechen möchte oder dass man gerade kein anderes Verkaufsargument zur Hand hat, um für drei Euro diese Platte loszuwerden, die man 2006 noch so geil fand, dass man sich ein hässliches Shirt der Band und noch eine Four Way Split 7“ gekauft hat, auf der sie mit noch einem weiteren Song vertreten waren. Irgendwie bin ich mir immer noch nicht ganz sicher, welche der beiden Varianten ich glauben soll, immerhin war der junge Mann doch sehr nett und leider nur etwas schlecht im Handeln. Andererseits: Wohl einfach nur froh gewesen, den Kram loszuwerden, was ja bei Sineater schon irgendwie verständlich war. Culm legen allerdings schon mit dem beknackten Titel nah, dass sie eine Platte abgeliefert haben, die man nicht unbedingt braucht. Bevor ich meine Vorurteile noch mehr vertiefe, höre ich dann doch lieber nach der ersten Zeile („Your selfishness got no deeper sense.“ – Was bitte? Ernsthaft? Nein, oder!?) auf, das Booklet zu lesen und suche mein Heil in der Musik. Die können Culm dann auch besser als Texte oder Englisch als solches. Nach den ersten drei Songs der LP, die übrigens sogar mit CD kommt, die vom Vorbesitzer allerdings nie ausgepackt wurde, geb ich mich mit „in Richtung Fugazi“ doch endgültig zufrieden. Schließlich ist es für ein Trödelmarktverkaufsgespräch definitiv zu lang, Sachen zu erklären wie „Weißt du noch um 2006 herum, als alle plötzlich Boys-meets-girl-Post-Hardcore machten und auch mal ein paar gefuchste Post-Punk-Riffs einbauten, um das Ganze tanzbar zu halten? Achja, hast du ja damals auch gemacht. Kennste, ne?“ oder „Na, stell dir ein paar DC-Fans vor, die gerne Robocop Kraus oder Screamo hören oder mal nachdenkliche Texte mit politischem Anspruch schreiben, aber dann doch nur in deiner Heimatstadt Buxtehude mal für eine Redfield-Band den Support machen und deswegen etwas trauriger sind als es ihre Mittelschichtenherkunft erlaubt.“. Das klingt ziemlich unfair und arrogant und ist es auch. Culm machen eigentlich nette Musik und haben mit Life In A Steel Cage Is No Life At All ein Album abgeliefert, das wirklich hörbar ist und sicherlich einige Durchläufe überstehen könnte, ohne wirklich zu langweilen. Kleine Hits wie Value sind auch vorhanden. Denn abwechslungsreich ist die Melange ja schon und irgendwie sind die laut peta2.de „tierliebe[n]“ Jungs aus Rheine schon. Das tröstet mich letztlich dann doch sehr über die drei Euro hinweg und macht mich gespannt in Bezug auf die Four Way Split, die noch drei andere Bands des Labels Miyagi versammelt. Und wer weiß, vielleicht laufen mir Culm eines Tages noch mal über den Weg, schließlich scheint es die Gruppe noch zu geben.

3.5/5

Miyagi in Spring: Culm, Kenzari’s Middle Kata, Tenlike und  Mercer – Four Way Split 7“

Schick sieht sie schon aus, diese Gatefold-7”, die offensichtlich das erste Release (die Culm-LP war die zweite) des Labels darstellt und irgendwie finde ich die Idee einer Compilation in diesem Format supersympathisch. Culm eröffnen den Minisampler mit einem Song, der aus der Zeit vor ihrer LP stammt. Der schlägt in die gleiche Kerbe wie das spätere Debütwerk, beweist aber immerhin, dass die Jungs ordentlich nachgelegt haben müssen in der Zwischenzeit – etwas zu hektische Drums, unüberlegtes Geschreie und das kleine bisschen Zuviel an instrumentalem Input lassen die schön stampfenden Momente des Songs doch etwas untergehen. Kenzari’s Middle Kata schlagen mit ähnlich viel Energie in dieselbe Kerbe und hätte der Sänger von Culm den Instrumentaltrack etwas mit seinem Gesang aufgeziert – na, lediglich die Staccato-Versessenheit und der durchaus überraschende Break am Ende würden sie dann noch von ihren Labelmates unterscheiden. Die Flipside des schwarzen Vinyls wartet dann mit Tenlike auf, deren gefingerpickten Akustikgitarren und melancholischer Gesang in Transistorradioqualität leichte Death Cab For Cutie-Reminiszenzen bei mir auslöst, andererseits weiß ich auch nicht, wieso. Keine Ahnung, ob die Schweden es in die Afterhourrotation von MotorFM geschafft haben, passen würde es allemal. Schöner Track mit leichtem Hang zu emotionaler Rotweinisolationshaft. Mit Mercer endet die Compilation dann in Tönen, die eigentlich schon wieder einen Sänger genauso vermissen lassen wie wirklich künstlerische Differenzen zu den Bestreitern der A-Seite, aber irgendwie schon doch versöhnlich sind.

2/5

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2 thoughts on “Armutskäufe und Affektreviews, Teil III: Mauerpark

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