Literatur

Ned Beauman – Flieg, Hitler, Flieg

Hier noch etwas aus dem Asservatenschrank unveröffentlichter Rezensionen etwas zu Ned Beaumans Debüt Flieg, Hitler, Flieg, das im englischen übrigens einen besseren Titel hat: Boxer, Beetle.

Ned Beauman: Flieg, Hitler, flieg!

Vom Cover von Flieg, Hitler, flieg! starrt der große Diktator selbst herunter. Trotz Insektenkörper, Fledermausflügeln und roter Clownsnase ziemlich ernsthaft, wenn auch natürlich schon ziemlich lächerlich. Dem Klappentext ist zu entnehmen, dass es im Buch um einen natürlich jüdischen Boxer in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts und um einen Nazi-Devotionalien-Sammler in der Gegenwart geht. Und um den Hobby-Wissenschaftler, der einen Käfer nach Hitler benannt hat und jetzt seine Studien auf Menschen ausdehnen will.

Sein detailliertes Wissen und seine freche Fantasie lassen uns staunen.“ sagt der DUMONT-Verlag über den gerade einmal 24jährigen Verfasser Ned Beauman, Cambridge-Absolvent, Journalist und einer der führenden Comic-Experten Englands. Sein Debütwerk erscheint nun am 19. April – einen Tag vor Adolf Hitlers Geburtstag. Das ist alles sehr ermüdend; ermüdend auf modern und hip getrimmt, ermüdend reißerisch um jede Menge Slapstick und vor allem krampfhaft ermüdend um eine Kontroverse bemüht. Aber zurück zu Beauman und seinem Roman – lassen sein detailliertes Wissen und seine freche Fantasie uns wirklich staunen? Legen wir ihn nach seinen gut 270 Seiten aus der Hand, müssen wir die Behauptung des DUMONT-Verlages doch etwas korrigieren.

Denn die Geschichte vom jüdischen Boxer mit neun Zehen, in den sich der Insektenforscher und begeisterte Eugenikanhänger Philip Erskine verliebt, dessen Forschungsergebnisse wiederum einen walisischen Söldner in der Gegenwart dazu bringt, den Nazi-Devotionalien-Sammler Kevin zu einer Jagd auf die wohl seltensten Memorabilia der Hitlerzeit zu zwingen, den von Erskine nach Hitler benannten Insekten, ja, diese bemühte, angestrengte und verworrene Geschichte muss vor allem gut erzählt werden. Und das tut Beauman zweifelsohne. Sicherlich: Allzu oft versucht der junge Londoner dabei sein „detailliertes Wissen“ durchblicken zu lassen. Er hat seine Hausaufgaben über Geschichte, Zwölftonmusik, Eugenik und Entomologie zwar gemacht, beweist das jedoch mit einer gewissen Aufdringlichkeit. Diese durchzieht auch viele der Anekdoten und flapsigen Randbemerkungen, denn Beauman hat wirkliche eine „freche Fantasie“ und setzt sie nicht ein, ohne stellenweise ermüdend zu wirken.

Damit lässt er seine Leser nicht unbedingt staunen – er reißt sie vielmehr mit und bringt sie zum Lachen. In erster Linie unterhält er aber mit einem nicht sonderlich ernsten oder gar stringenten Plot, der allerdings manches Mal einige Tiefgründigkeit aufblitzen lässt. Beauman stößt sich literarisch mit Flieg, Hitler, flieg (im Englischen trägt der Roman den wesentlich angemesseneren, weniger plakativen Titel Boxer, Beetle) sicherlich noch die Hörner ab, lässt aber eins durchblicken: Schreiben kann er.

Letzten Endes nämlich obsiegen seine irren und liebevoll überzeichneten Charaktere, seine zwischen charmantem Witz und ideologischem Wahnsinn schwankenden Dialoge und vor allem die Atmosphäre des Romans. Nicht immer ganz homogen, aber sehr entspannt verschränkt Beauman einen Geschichtsroman mit Pulp-Elementen, eine unverkrampfte homosexuelle Liebesgeschichte, die keine ist, und einen modernen Action-Thriller mit ironischen Pop-Anleihen. Ein Buch eigentlich, das einen fantastischen Comic abgeben würde.

Der junge Londoner hat uns zwar wenig staunen lassen, denn: Neu ist das alles nicht, weder die diachrone Erzähltechnik, noch die absurden Gedanken zu diesem und jenem Thema und innovativ ist die ironisch überspitzte Geschichtsbearbeitung vor allem der Nazizeit heute nun auch nicht mehr. Aber sie ist – und es würde fast schmerzen, das zuzugeben, wäre es nicht so unbedingt wahr – erfrischend. Es ist erfrischend unbekümmert und erfrischend modern, erfrischend tiefgründig und dabei erfrischend unpolitisch, meistens erfrischend unverkrampft und immer erfrischend selbstironisch.

Ganz anders also als der ermüdend griesgrämige Hitler mit Clownsnase, der einen wieder vom Cover aus anstarrt, wenn man den Roman beendet und geschlossen hat. „Beurteile nie ein Buch nach seinem Umschlag“, sagt das Sprichwort. Oder nach seinem Klappentext. Beauman jedenfalls schreibt grade an seinem zweiten Roman – es bleibt zu hoffen, dass er nicht nur ähnlich erfrischend, sondern auch mit einem besseren Cover daherkommt.

 

Ned Beauman. Flieg, Hitler, flieg!, 271 S., EVT 19.04., ca. 19,95€

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