Leben / Musik

Armutskäufe und Affektreviews, Teil I: Bis aufs Messer

Der latente Privatpauperismus meinerseits treibt doch ziemlich eklige Knospen. Einerseits gebe ich trotzdem noch massig Geld für Vinyl aus, andererseits besitze ich dann doch noch genug Restvernunft, um meine Einkäufe auf ausgewählte Lieblinge zu reduzieren. Dabei verpasse ich bestimmt ab und zu ein paar Schnäppchen und komme doch nie über meinen Tellerrand hinaus. Um sowohl dem einen wie dem anderen zu entgehen, entschied ich mich spontan, mir ein finanzielles Limit zu setzen und ganz aus dem Affekt heraus alles zu rezensieren, was ich an Polyvinylchlorid nach Hause schleppte. Angefangen hat meine Sparfuchstour im Plattenladen meines Vertrauens, Bis aufs Messer in der Marchlewskistraße 107 in Berlin. So ganz wollte ich schließlich nicht aus meinem Habitus ausbrechen – noch nicht – und außerdem dachte ich mir irgendwie schon, dass ich für 5€ genug finden würde, was mich auf irgendeine Weise interessiert.

ollo: The Campaign For Real Bread 7”

Das gipsartige Toastbrotsubstitut triggerte mich natürlich wahnsinnig. Zudem noch in Verbindung mit einem Titel wie The Campaign For Real Bread  und einem Bandnamen, der ein super Smiley für mich abgeben könnte, wenn es mir anatomisch nicht unmöglich wäre, die Augen aufzureißen. Mit der Nase hätte das ja verhältnismäßig hingehauen. Den richtigen Riecher beweise ich auch für den richtigen Song und lege statt der A- die B-Seite auf. Die nervt mit dubbigen Offbeats und einem Refrain, der offensichtlich von grenzdebilen Narkoleptikern gesungen wird, aber das deutet der Titel The Lunatics Have Taken Over The Asylum ja irgendwie an. Die A-Seite kommt statt redundantem un-tschick mit verwaschenen Funkriffs daher, hat aber einen süßen 80es Synthie und irgendwie fange ich langsam an zu glauben, eine uralte Hot Chip-Demo aufgetrieben zu haben. Ein, für die sie sich nur ein ganz klein bisschen schämen, weil sie damals schließlich 18 waren.

2/5

Bee and Flower: Dust & Sparks / Wounded Walking7”

Ebenso wie viele tendenzielle Ladenhüter fiel mir diese 7“ bestimmt schon zig mal beim Durchstöbern der Grabbelkiste in die Hände und gemerkt habe ich sie mir nur wegen des tattoowürdigen Ed Hardy-Zitats von Cover, das ich irgendwie doch schick fand. Noch süßer ist der Hase auf dem Rückcover, selbst wenn er weder Pupillen noch Iris hat. Der schleppende Pop mit allerhand düsterem Drive und klassischer Folkinstrumentalisierung klingt gar nicht so sehr nach Bienchen und Blümchen, was mich wesentlich mehr und vor allem positiver überrascht als euch dieses haarige Wortspiel meinerseits, zumal nach dem Nasenjoke der ersten Review. Schön unaufgeregter Frühjahrsmüdigkeitssoundtrack auf durchsichtigem Vinyl, der wohl beste Fang an diesem Tag.

4/5

giveuntilgone: whatever works / winterfly 7”

Bei der ganzen Vielfalt von Winzlabel-Veröffentlichung, die in schief geschnittenes Papier eingewickelt vor 15 Jahren in Bad Bramstedt veröffentlicht wurden, musste ich einmal zuschlagen. Mit giveuntilgone erwischte ich dann doch eine amerikanische Platte, deren Cover mich jedenfalls etwas an das Design der Sinker-7“s erinnerte (siehe Foto). Statt rumpligem prä-Indian Summer-Emocore hauen giveuntilgone doch erstaunlich straighten und hooklinigen Emo raus, für den, wenn man das braucht, eher The Hated als Referenz herhalten dürften. Das Label  Bastille erklärt dann immerhin noch das „cheap ass lookin cover“ als „pre-release“ für eine 7“ mit „real covers“. Ob es welche gegeben hat, weiß ich nicht. Immerhin kann ich mir 32/50 in die Spalte meiner nerdigen Vinyl-Exceltabelle schreiben, die sich über Limitierung auslässt. Das sagt zwar nichts über Nachfrage aus, aber manchmal reicht es mir ja auch, 5 Minuten angenehme Musik gehört zu haben.

3/5

Navies: Continental Divide 7“

Im ersten Moment bin ich nicht ganz sicher, ob 45 rpm eine gute Wahl waren. Von Lovitt Records ist man zwar meistens Qualität gewohnt, nicht unbedingt aber nervöse Blastbeast in den oberen Oktavlagen. Ziemlich sicher, dass Navies – deren Name ich schon irgendwo mal düster gehört habe – eine ziemlich coole instrumentale Math Rock-Band sind, bei dem Tempo klingt das jedoch schon ziemlich nach diesen geilen 8-Bit-Remixes von Converge-Songs.  Bei 33 rpm ist mir die A-Seite dann doch etwas zu monoton und lahmarschig. Aber ich bin vielleicht voreingenommen. Ob der zweite Song nun eigentlich Divide heißt oder ob das noch Teil des Titels des ersten Tracks ist kann ich nicht mit Sicherheit und ohne google-Recherche sagen, aber immerhin kann ich anhand der Vocals verifizieren, mit 33 rpm endlich richtig zu liegen. Die hätten schon aus musikalischen Gründen auf der Flipside zu finden sein sollen, denn mit Gesang machen Navies auch ziemlich Spaß mit ihrem leicht desolaten, durchdachtem Post-Punk.

3.5/5

The 1985: s/t /7“

Auch The 1985 gehören zu den Bands, deren Namen ich schon tausend mal gehört habe. Hatten die nicht eine Split mit…? So eine von diesen kleinen Nummern, bei denen mir meine Xenophobie immerzu im Weg stand und ich nie wirklich reingehört hatte. Andererseits hatte ich beim Studium des Backcovers das dringende Gefühl, ich könnte nicht weiterleben ohne einmal zu hören, was für Musik jemand macht, der Jeff Schreckengost heißt, seines Zeichens Gitarrist und Pianist der Band. Noisigen Beinahe-Screamo mit Handclaps und einem ziemlich nöligen Schreihals am Mikrofon, der mit Joe Vernet Jr. einen bedingt uncooleren Namen hat und sich eigentlich nicht so häufig zu Wort meldet, weil er auch viel dissonante Licks spielen muss und deswegen nicht so viel affektiertes Kreischen drin ist. Nachdem ich nach zwei Songs bereits die Hoffnung aufgegeben habe, breitet sich dann doch ein zufriedenes Lächeln in meinem Gesicht aus, als ich etwas höre, was Jeff Schreckengosts Rhodes © Piano sein könnte. Und, weil (Even) More wirklich ein guter Song ist, dem Factory Records sicherlich einen Compilation-Slot gegönnt hätten.

2.5/5

Advertisements

4 thoughts on “Armutskäufe und Affektreviews, Teil I: Bis aufs Messer

  1. Pingback: Armutskäufe und Affektreviews, Teil II: VoPo Records « good friends with bad habits

  2. Pingback: Armutskäufe und Affektreviews, Teil III: Mauerpark « good friends with bad habits

  3. Pingback: Publikationen III: The story goes on and on and on. « good friends with bad habits

  4. Pingback: Armutskäufe & Affektreviews IV: Logo « good friends with bad habits

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s