Literatur

schräg gegens licht (Anthologie zum Treffen Junger Autoren 2009)

Bis dato unveröffentlichte Rezension, geschrieben irgendwann 2010:

Eine Anthologie wie „schräg gegens licht“ eröffnet ungeahnte Probleme. Zwar handelt es sich bei dem unscheinbaren Taschenbuch um die 24. Ausgabe der Siegertexte des renommierten Treffen Junger Autoren, welches alljährlich in Berlin die großen und kleinen Hoffnungen der jüngsten Literatur auszeichnet, aber kann man den Jungschriftstellern aus ganz Deutschland mehr attestieren als Talent, Potenzial oder den Mut, sich einem Publikum zu stellen? Niemand mag allzu hart mit Kindern und Jugendlichen ins Gericht gehen, und ist es möglich, Teenagern Unausgereiftheit vorzuwerfen, mangelnde Selbstständigkeit, Kitsch? Andererseits: Was wäre unfairer, respektloser und überheblicher diesen 20 Jungschriftstellern gegenüber, als sie zu schonen? Das würde nichts anderes heißen, als sie nicht ernst zu nehmen. Und notwendig ist es schon gar nicht. Denn „schräg gegens licht“ versammelt eine Vielzahl von Texten aller Gattungen, die zwar mancherorts unausgegoren, roh und holprig sind – oder aber eben literarisch wertvoll, berührend und unmittelbar aufrichtig. Auf keinen Fall kindisch oder unreif, allerhöchstens noch von der Suche nach der eigenen Stimme, dem richtigen Ton geprägt. Dass keiner der Verfasser älter als 22 Jahre ist, sollte nicht mehr als eine Notiz am Rande wert sein.

So zeigt bereits der erste Text des elfjährigen Marius Krusch, dass hier keine hastig hingeschmierten Grundschulaufsätze und Tagebucheinträge unbekümmerter Kinder vorliegen. Krusch‘ kurzem Prosastück mit dem Titel „Die Schöpfungsgeschichte der Magier“ geht ein einleitendes Wort vor, in welchem er darum bittet, dass es ihm niemand übel nehme, wenn er bei der Vielzahl der Mythen über das Entstehen der Welt seine ganz eigene fiktive Version präsentiert. Das liest sich fast wie eine Parabel auf die gesamte Anthologie und legt den Finger auf die Wunde: Denn dass vor allem die ganz jungen Schriftsteller sich nicht immer selbstbewusst daran machen, ihre „eigene Sicht der Dinge zum Ausdruck zu bringen“, wie das Editorial Bildungsministerin Annette Schavan zitiert, zeigt sich noch hier und dort und stellt die eigentliche Schwäche der Sammlung dar.

Eine Schwäche, die von den vielen starken und selbstbewussten Passagen schnell wieder in den Hintergrund gerückt wird. Dass die ganz eigene Sicht auf die Dinge sehr lohnenswert ist, beweist allein die zwölfjährige Johanna Fritsch: „Und ich lege mich in meinen Schlaf. / Und in den Gesang der Vögel. / Und lasse alles in einem rauen Wind stehen.“ sind Zeilen, die nicht nur vor einer Aufrichtigkeit strotzen, die vielen der altgedienten Dichtern abgeht, sondern auch einen poetischen Eigenwert besitzen, der nicht am Alter der Dichterin gemessen werden kann: Hier weiß jemand, seine Eindrücke und sein Innenleben literarisch zu notieren und kraftvoll zu schildern, ohne sich in Manierismen zu verlieren, ohne in Posen zu verkrampfen – ohne sich zurückzuhalten.

Am vielversprechendsten ist wohl die zwanzigjährige Jule Sonnentag, deren kurzes Prosastück „Unter Hunden“ einen der Höhepunkte der Anthologie darstellt. Entspannt lässt sie aus dem Nebensächlichen eine Geschichte entstehen, die ohne verklärte Metaphorik oder Sentimentalitäten auskommt – man wünscht sich mehr davon, nicht nur in dieser Sammlung, sondern im Gesamtbetrieb der deutschen Gegenwartsliteratur. Für Tong Maos „Erste Liebe“, die einfühlsam, aber nicht übertrieben emotional von der Nostalgie einer alten Frau berichtet und die selbstreflexiven Stilexperimente Annina Brells in deren kurzen Prosastück “Mousch wacht auf und riecht Rauch“ gilt dasselbe. Die Prosa überwiegt quantitativ und weiß dafür auch an vielen Stellen mehr als zu überzeugen. Es sind mitreißende Geschichten, reif und unaufgeregt erzählt, direkt an der Essenz des Lebens formuliert.

„schräg gegens licht“ kommt wie jede Anthologie jedoch nicht ohne ihre Mängel und missglückten Stücke aus. Zwischen einigen wenig überzeugenden Kurzgeschichten über Pubertät, Elternkonflikte und das Erwachsenwerden lassen sich einige der jungen Autoren zu einem preziösen Stil hinreißen, der so angestrengt versucht, seinen Lesern etwas zu beweisen, dass die Lust am Erzählten auf der Strecke bleibt. So kommt zum Beispiel Moira Franks Kurzgeschichte „Mela“ zu fabulierlustig daher – ein Wermutstropfen, der dem eindrucksvollen Prosastück schadet. Auch Lisanne Wiegands „Nach Zimt lächeln“, welches schon mit den Worten „Ich sage Gedichte sind pastellfarben und es ist still“ auf das Trommelfeuer der synästhetischen Eindrücke einer verkrampften Outsidergeschichte vorbereiten oder Luisa Schulzes „Interessante Geschichten“, die abgesehen von einer Vielzahl von forcierten Pointen wenig mehr als eine ordentliche Fantasie zu bieten haben.

Gedichte wie die von Marie Michael, aus deren „wasserfarbe“ der Titel der Anthologie entnommen ist, lassen den einen oder anderen Rückschluss darauf zu, welche Dichter bei der eigenen Produktion Pate stand. Heißt es da doch: „wir liegen rücken an rücken / auf dem boden und verschlagen / uns den atem // wir schweigen wir dürfen / wir reden wir sind / unter wasser und verschwimmen“. Da grüßt Celan – ebenso wie bei Anja Riester, die ihn sogar zitiert – und weckt den Wunsch nach mehr dichterischer Eigenständigkeit in der Zukunft, nach intensiverer Ausnutzung des vorhandenen Potenzials. Beide lassen noch einiges  erwarten und werden sich sicherlich in Zukunft noch einen Namen machen, haben sie erst einmal ihre Stimme gefunden.

Alles in allem bestätigt sich, dass die Resultate des 24. Treffen Junger Autoren sich definitiv nicht verstecken brauchen, nicht geschont werden müssen. Es sind Texte, die hier und da die Klischees bedienen, die an anderer Stelle mit umreißender Fantasie und Innovation überzeugen, und auf jeden Fall sind es Texte, die es ungeachtet ihrer Heterogenität wert sind, gelesen zu werden. Der eine oder andere Name wird auf jeden Fall wieder auftauchen, hoffentlich. Denn natürlich sind sie da, so abgedroschen es klingt: Das Talent, das Potenzial, der Mut. Das sollte alles weiter genutzt werden, um die „eigene Sicht der Dinge“ in die Literaturlandschaft Deutschlands herauszutragen.

So bleibt am Schluss wenig zu sagen, was nicht mit den Worten des obersten Gottes Dicio aus Marius Krusch‘ „Schöpfungsgeschichte“ ausgedrückt werden könnte: „Gut! Doch ihr müsst beweisen, dass ihr verantwortungsvoll mit den Elementen umgeht.“ Das sollten sich schließlich nicht nur die jungen und unerfahrenen, sondern auch die etablierten und großen Autoren immer und immer wieder zu Herzen nehmen.

Literaturangabe: schräg gegens licht, Brandes & Apsel Verlag.

Advertisements

5 thoughts on “schräg gegens licht (Anthologie zum Treffen Junger Autoren 2009)

  1. Das ist so cool. Da steht zwar eigentlich nur ein Satz, aber er trifft, zwei Jahre später, total den Punkt. Obwohl ich daran immer noch Spaß habe.

    • Schöne Sache, den Punkt getroffen zu haben, ein Jahr später noch. Die Rezension lag hier noch ziemlich lange rum, so lange, dass ich nachschauen musste welcher dein Text war.

  2. Pingback: Publikationen III: The story goes on and on and on. « good friends with bad habits

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s