konkrit / konkrittles / Leben / Literatur / Musik

konkrittles #6 – »When I say real, I mean reality-real, I mean real-real.«

Screenshot_2014-02-09-11-54-33

Tja. Und obendrauf noch den Perso in irgendeinem Kopierer liegenlassen.

Kind. Zehn ungefähr, Autofahrt: Buxtehude – Ungarn. Das ist weit und es dauert lange. Das Buch auf meinem Schoß ist dick und es dauert ungefähr genauso lang, es zu lesen. Deutsche Heldensagen, ideologisch unschuldig gelesen und begeistert gewesen. Als das dicke Buch, von dessen Cover die Schutzfolie abblättert, ausgelesen ist: Wegmarken zählen. Jeder Reflektor, der uns entgegenblitzt, muss mit zwei malgenommen werden. 2, 4, 6,… Ich bilde mir ein, bis 10.000 zu kommen und erzähle das unserer Gastgeberin. Der ist das scheißegal und sie hat recht damit. Der Rest? Weinberge, Gulasch und Schwimmen im Regen, bei 32° in den Abendstunden. Das Leben, das wirkliche Leben.

Student. 22 ungefähr, Heimurlaub Hedendorf. Im Wald mit M. Sie spielt Nintendo und ich lese ein Buch, das dicker als ihre Konsole ist. Reclam, orange. Aber nur, weil es die rote Ausgabe nicht gibt. Das Nibelungenlied, im Grunde genommen also dasselbe wie damals. SiegfriedHagen und Volker, der ja schon immer mein Favorit war, weil ich so verfickt musisch drauf bin. Da liegen wir also, die dummen Nadeln stechen uns und auf den dummen Baumwurzeln liegt es sich ziemlich unbequem. Kein Wort über Ameisen, darüber schweigen wir. Und dann, ja, dann: Geil. Da kommt so eine und umarmt einen Baum. Einfach so. Wir sehen das und lachen, die da unten hört das und rennt schnell weiter.

»Ich möchte alle meine Freunde sehen / ich bin erst wach, wenn sie schon schlafen geh’n.« Tja, die Nullis hatten eben noch kein Smartphone in ihren Adidas-Trainern einstecken, sonst hätten sie das alles auch per Facebook-Messenger, WhatsApp, oder, fuck, halt eben Snapchat erledigen können. Letztens begegnete ich Dirk von Lotzow im Volkspark Friedrichshain und es erschien mir unwirklicher als das meiste, was mich jeden Tag umgibt. Überhaupt Musik mit ihrem unendlichen Fetisch vom Realen. Lone., der auf Reality Testing Raekwon vom Wu Tang Clan zu Wort kommen lässt: »When I say real, I mean reality-real, I mean real-real.« Und dann sprechen wir per Skype darüber und alles, was ich von ihm sehe ist sein Profilbild: Er neben Thom Yorke. »Hast du den echt getroffen?« ist keine Frage, die mir über die spröden Lippen kommt. Stattdessen geht es weiter um luzide Träume, diese vernebelten Zwitterzustände in denen das Sein zum Spuk wird und umgekehrt.

Klar, das war wieder Derrida, Hantologie, volles Programm. Ein geistig-vergeisterter Ghost Dance, ein Wiedergänger, inklusive dieser brillante Telefonszene. (Habe ich jemals erzählt, dass mein Telefon Ghost Home heißt und meine Festplatte Ghost Box? Nein, natürlich nicht.) Hatten wir letztens schon, ich weiß. Und trotzdem ist das hier #6 und das andere #8. Weil Zeit nur dann linear abläuft, wenn wir uns dem nicht verweigern. Warum nicht jenseits des Stillstands neu anfangen, schon wieder und jetzt erst? Wir haben die Bücher dafür, wir finden langsam die richtige Sprache.

So oder so: Die Situationen sind dieselben: Arbeit, gestern 14, heute gut 13 Stunden. Unter anderem über Diederichsen, schon witzig: Wie da was wahr geworden ist und zwar folgender Satz: »Über Pop-Musik ist [ein Standardwerk], nicht nur für Journalist_innen und Theoretiker_innen, sondern selbstverständlich auch Pop-Fans.« Wahnsinn: Der größte Bitte-bring-mich-aufs-Backcover-der-Zweitauflage-Homepage-reicht-auch-Käse und jetzt sitze ich da und füge Sätze wie »So wie beim Mythos unentscheidbar sein muss, ob die Geschichte historisch oder fiktiv ist, ist in der Pop-Musik konstitutiv unentscheidbar, ob der Protagonist eine wirkliche oder eine erfundene Figur ist.« in eine verfickte PowerPoint-Präsentation ein. Geht natürlich um Ian Curtis. Einer der realsten aller Realen. Der Typ, der den großen Baum umarmt und sich an der Rinde die Halsschlagader aufgerissen hat. Pustekuchen natürlich, zumindest ein halber.

Immer noch Student irgendwie, gestern noch. Sechsundzwanzig, Berliner Bettstatt. Kaum einen Zentimeter bewegt, 24 Hour Party People (wie real die sind, diese Schauspieler_innen!) am Gucken und M. tradet Karten mit Südostasien oder Nordbrandenburg, ich weiß es nicht so genau. Zumindest passiert das alles trotzdem wirklich, wir passieren und existieren so rum und fühlen vielleicht was dabei. Zumindest uns einander verbunden. Wie zwei Boos an gefürchteten Sommertagen: »They were born and then they lived and then they died«. Stellt euch das auf ‘nem Foto vor! Oder besser: Haltet euch nur ein Foto vor!

Ich habe heute mit dem DHL-Boten, der REWE-Kassiererin und zwei Menschen aus dem Haus, die ihre Pakete abholen wollten, gesprochen. Darf ich die e-Mails nicht zählen, die Facebook-Kommentare und -Nachrichten oder ich mit X. und M. per WhatsApp das Leben vertausche? Gerade, wo ich doch mit M. darüber spreche, dass ich für meine 13 Stunden vor dem Bildschirm mehr Respekt bekomme als sie für ihre halbe Stunde vor dem Smartphone-Display, weil mein Marktwert fetter ausfällt und ihr was zu lesen (was eben nur fast wie leben klingt) bekommt. Aber mal ehrlich: Das Substrat bleibt von den Nibelungen bis hin zu Curtis und uns dasselbe: Wir haben uns das selbst eingeredet.

Und wenn wir schon bei Rede sind: Virtus, Kraft. Daraus leitet sich virtuell ab, echt jetzt. Alles klar?

Wenn nicht, schreibt mir einfach eine Nachricht. Ich werde sie lesen, nachdem ihr schlafen gegangen seid.

IMAG1269_1

Peeka-fucking-boo. Wir sehen uns, hören voneinander. Ihr könnt mir die Hand schütteln und mich mit den Worten »Du siehst so echt jetzt aus« zum zarten Erröten bringen.

3 thoughts on “konkrittles #6 – »When I say real, I mean reality-real, I mean real-real.«

  1. Pingback: Kristoffer Cornils zu »Infinite Lives (Try, try, try again)« | ¿comment! - Lesen ist schreiben ist lesen

  2. Pingback: konkrittles #9 – »Die haben nie so recht verstanden was ich da mache.« | konkrit

  3. Pingback: 81. Nicht wirklich tot | Lyrikzeitung & Poetry News

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s